Ferdinand der Stier (Filmkritik)

Ferdinand (John Cena) ist nicht wie die anderen Stiere. Er mag nicht kämpfen, er mag lieber an Blumen schnuppern. Dummerweise ist für die anderen Bullen das Leben ein einziger Wettstreit, wer denn nun ausgewählt wird, um in der Arena kämpfen zu dürfen, denn – so glauben sie – wer den Matador besiegt wird wirklich frei sein.

Unterstützt von der Ziege Lupe (Kate McKinnon) und den Igeln Una (Gina Rodriguez), Dos (Daveed Diggs) und Cuatro (Gabriel Iglesias) (wir sprechen nicht über Trés!) versucht er das beste aus seiner Situation zu machen und vielleicht, mit ganz viel Glück, braucht niemand in die Arena und vielleicht versteht sogar sein alter Rivale Valiente (Bobby Canavale), dass es nicht immer um Konkurrenzkampf gehen muss …

Die Geschichte von Ferdinand dem Stier ist alt. So alt, dass vermutlich eure Eltern damals den Zeichentrickfilm von Walt Disney im quasi neu erfundenen Fernsehen sahen. Der Kurzfilm vom Disney basiert auf dem Kinderbuch „Die Geschichte von Ferdinand“ des US-Amerikaners Munro Leaf, der es im Jahr 1936 nach geschrieben hat. Eigenen Angaben nach, um seinem Freund Robert Lawson eine Möglichkeit zu geben sein zeichnerisches Talent unter Beweis zu stellen. Da kurz danach der Bürgerkrieg in Spanien ausgebrochen ist (es geht um Matadore und Stiere, quasi eine perfekte Metapher), wurde Leaf interessanteweise von allen Seiten unterstellt er habe ein Statement abgeben wollen. Die einen meinten, er wäre ein Fan Francos und die anderen hielten das Buch für eine Anklage Francos. Leaf selbst hat immer wieder betont, dass sein Buch nichts davon ist, sondern es sollte ganz einfach ein nettes Kinderbuch sein.

Die Macher von der 2017er Film-Version des Stiers haben sich wohl an diese Worte erinnert und irgendwelche Parallelen oder Metaphern sucht man vergebens. Ich meine, klar – wenn man sie sehen will, dann kann man sicher alles reininterpretieren, aber hey – das geht doch immer.

Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte, ist wie mitreissend, die simple und keinesfalls neue Geschichte dann tatsächlich ist. Das liegt an den herzallerliebst gezeichneten Charakteren (den jungen Ferdinand der eine Blume beschützt muss man sofort in Herz schließen) und der – nochmals: nicht neuen – aber immer zutreffenden und erzählenswerten Geschichte, dass nicht alle, die groß und bullig sind automatisch Kampfmaschinenmaterial darstellen. Das führt übrigens zu einer im englischen Original tollen Wortspende: „Where do you think the word bully comes from? From chickens?“

So ist „Ferdinand, der Stier“ oder „Ferdinand – geht Stierisch ab!“ (und wieder: Wer ist um Himmels willen für die Übersetzungen und Untertitel verantwortlich?), wie man ihn bei uns genannt hat, ein herzallerliebster Film für die ganze Familie, der in erster Linie einfach Spaß macht, das Herz und die Moral am richtigen Fleck hat und sogar auf irgendwelche erhobenen Zeigefinger verzichtet. Der Unterhaltungswert liegt aber nicht nur am Design der Figuren, sondern viel mehr an den liebenswerten, irren Nebencharakteren.

Ziege Lupe war mir anfangs etwas ungeheuer, denn die hatte das Potential extrem nerven zu können – ist aber relativ rasch ein super Kumpel für Ferdinand, die man ebenfalls in Herz schließt. Die anderen Stiere sind ziemlich auf Stereotypen ausgelegt, erfüllen diese Rollen aber außerordentlich gut, zumal selbst diese für Überraschungen gut sind (Highlight: Ein Wett-Tanzen mit den Pferden aus der Koppel nebenan). Meine absoluten Helden sind allerdings die Igel Una, Dos und Cuatro („We don’t talk about Trés!“), die den für mich großartigsten Doppelwitz seit Jahren fabrizieren (der nie aufgelöst wird, aber genau deshalb finde ich ihn so großartig). Oh – und ein namenloser Hase. Der ist auch großartig.

Regisseur Carlos Saldanha, der auch bei „Ice Age 3“ oder „Rio“ Regie geführt hat, hat ein gutes Händchen für Comedy-Timing, kann (animierte) Action gut inszenieren und schafft es aber auch im passenden Ausmaß auf die Tränendrüse zu drücken. Manche Sets sind wunderbar und sprühen nur so vor Leben (die Blumenausstellung), anderen sind allerdings extrem leer und manche Action-Szene zieht sich ein wenig hin. Das alles ändert aber nichts daran, dass sich „Ferdinand“ nicht vor den „großen“ Animationsfilmen verstecken braucht.

Mutig finde ich, dass im Film die Schlachthäuser vorkommen, in welche die Bullen gebracht werden, die nicht kämpfen können, was ich anfangs schon heftig fand, weil – Kinderfilm und so. Allerdings löst sich das ganze dann relativ simpel auf und ich glaube, dass Kinder das auch mit anderen Augen sehen (und weit weniger brutal finden als ich), außerdem bleibt der Film trotzdem die ganze Zeit über harmlos.

Alles in allem ist der Film keine Sekunde langweilig und hat das Herz absolut am richtigen Fleck. Ich wäre ihm einen weit größeren Starterfolg vergönnt gewesen (warum lässt man ihn auch am gleichen WE starten wie Star Wars: The Last Jedi?“). Die Musik ist passend und das Finale ist sogar wirklich großartig choregrafiert und – man glaubt es kaum – sogar spannend. Die Sprecher machen ihre Sache alle fabelhaft, wobei bei mir Gina Rodriguez als Una einfach den besten Eindruck hinterlassen hat, das liegt aber auch an der genialen Gestik und vor allem Mimik der Igeldame.

„Ferdinand, der Stier“ bekommt von mir 8,5 von 10 möglichen, wirklich unterhaltsame, überraschende und das Herz am richtigen Fleck habende, Punkte.

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