Hot Girls Wanted (Filmkritik)

Tressa war Cheerleaderin, die Welt lag ihr zu Füßen und ihre Elten hatten große Hoffnungen in sie gesetzt. Aber sie wollte etwas anderes. Sie wollte mehr. Sie wollte frei sein, tun was sie für richtig hielt und endlich weg aus dieser langweiligen, braven und altmodischen Stadt. Was dazu führte, dass sie eine Announce auf Craigslist beantwortete mit dem Titel „Hot Girls Wanted“ und kurz darauf sitzt sie im Flugzeug auf dem Weg in ein neues Leben.

Was steckt hinter dieser Anzeige?

Riley steckt dahinter. Er hat die „Agentur“ namens „Hussie Models“ gegründet und sein Job besteht darin „heiße Mädchen“ zu finden, die sich in der Pornobranche einen Namen machen wollen und diese dann an interessierte Produzenten weiterzuvermitteln. Tressa ist eine davon.

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Mofos. Bang bros. Reality Kings. Wem diese Namen nichts sagen hat noch nie im Internet gesurft, lebt vermutlich im Wald oder ist zu jung um jetzt hier weiterzulesen. Diese drei Namen stehen synonym für die Porno-Industrie, die sich auf die Fahnen schreibt, die „echte“ Erfahrung zu liefern. Also junge Frauen, die auf offener Straße von Menschen mit Kameras angesprochen und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu Sex überredet werden. Das kann ein Vesprechen auf einen Model-Job sein, eine Karriere in der Filmbranche, ganz egal. Natürlich alles „echt“, völlig klar. Tatsache ist, wie hoffentlich alle wissen, dass auch diese Filmchen ein Drehbuch haben und geskriptet sind. Natürlich. Sollte irgendjemand der Meinung gewesen sein, dies sei anders, eine Bitte: Nutzt Google, sucht einen Gehirndoktor in eurer Nähe und lasst euch untersuchen. Dringend.

Natürlich stellt sich jetzt eine wichtige Frage: Wie viele Pornosternchen kann es geben auf der Welt? In Zeiten VOR dem Internet war dies wenigen Damen vorbehalten und natürlich gibt es auch da ein paar, die wohl weltweit bekannt sind. Manche werden sogar in diversen Serien propagiert (Sasha Grey, sag ich nur und „Hallo“ an Supernaturals Dean) und schafften als sie genug davon hatten sogar den Absprung in andere Berufe (im Falle von Sasha Grey zum Beispiel als Synchronsprecherin für „Saints Row The Third„). Aber was ist jetzt, heute, im Hier und Jetzt und in Zeiten in denen diverse Internetportale Pornographie völlig kostenlos anbieten und deren Zugriffszahlen jene von Amazon pro Tag um das fünffache(!) übersteigen? Gute Frage, nicht wahr? Das Versprechen an junge Damen lautet ganz klar: Wenn du willig bist und was „drauf“ hast, dann kannst du berühmt werden, reich werden, und – das Wichtigste: Völlig frei sein!

Ist das so?

Der Film „Hot Girls Wanted“ folgt Tressa von ihrem Einstieg in die Branche, begleitet sie während ihrer Zeit in der Pornoindustrie (und die Betonung liegt auf „Industrie“), ist in intimen Momenten dabei (als sie ihrer Mutter erzählt, was sie eigentlich macht und auch als sie es ihrem Vater in einer herzbrecherischen Szene gesteht) und bleibt – soweit es einem Film möglich ist – halbwegs neutral. Natürlich ist die Auswahl an gezeigtem Material immer auch eine Beeinflussung der SeherInnen, aber in diesem Fall kann ich glaube ich ganz gut Entwarnung geben: Der Film blendet zwischendurch einfach immer wieder kurze Fakten ein und lässt sie im Raum stehen, zeigt kurz ein wenig Hintergrund und überlässt es dann den SeherInnen sich eine Meinung zu bilden.

So zum Beispiel der neue Trend zum „Degradieren“. Laut „Hot Girls Wanted“ RegisseurInnen Jill Bauer und Ronna Gradus sind 40% der aktuell abrufbaren Pornofilmchen im Internet inhaltlich „erzwungener Sex“. Die Formulierung kommt von mir, nicht von den beiden, um etwaigen Missverständnissen und Vorwürfen (Feminismus und so) vorzubeugen. Das klingt jetzt seltsam, wenn man bedenkt, dass doch die Damen alle gecastet sind, sich freiwillig melden und dann auch noch Geld dafür bekommen, oder? Ja. Es ist „Schauspiel“ und „ja“, die Damen (oder besser: Mädchen) wissen, worauf sie sich einlassen. Theoretisch zumindest. Ich für meinen Teil bin froh, dass Bauer und Gradus in ihrer Dokumentation darauf verzichten solche Szenen zu zeigen, ehrlich (grundsätzlich bleibt der ganze Film 95% lang jugendfrei, von ein paar entblößten Brüsten abgesehen). Alles was sie tun ist die DarstellerInnen davor und danach zu interviewen und ganz ehrlich: Das tut im Herzen weh.

Ich könnte jetzt noch seitenweise weiterschreiben, bin aber der Meinung, dies wäre sinnfrei, denn wenn ich den ganzen Film wiedergeben würde, wer müsste/sollte ihn sich sonst noch ansehen wollen/müssen? Grundsätzlich kann ich nur sagen, dass in „Hot Girls Wanted“ viele Personen zu Wort kommen, nicht nur die „DarstellerInnen“ und es werden auch mehrere Personen vorgestellt und auf ihrem Weg begleitet, Tressa ist nur jene auf die sich die Filmemacherinnen primär konzentriert haben. In Summe kommen fünf junge Frauen mit all ihren Ansichten zum Zug und ihre Meinungen variieren streckenweise sehr voneinander.

Sicher. Der Film hat klar ein Ziel. Die Ausbeutung von jungen Frauen aufzuzeigen, die mit Träumen in eine Industrie einsteigen und glauben sie würden Freiheit erlangen (Relativ am Anfang des Films unterhalten sich zwei der Mädchen darüber, wie sie von den männlichen Kollegen behandelt werden und ein Satz blieb tief sitzend hängen bei mir: „I wish more people outside of the porn business would treat me with so much respect as the guys do around here. They treat you like you are a princesss.“), bis sie irgendwann merken, dass sie gefangen sind. Aber nicht aufgrund von Zwang, nicht aufgrund von äußeren Einflüssen, nicht aufgrund der „bösen“ Pornoproduzenten, sondern weil sie in sich gefangen sind. Man kann es Stolz nennen, Selbstbetrug, was auch immer, aber das Gefängnis ist einerseits – wie wohl oft – im eigenen Kopf. Und andererseits – das kam für mich unerwartet – die anderen Darstellerinnen(!). Was es fast noch tragischer macht.

Gegen Ende – soviel darf ich spoilern – verlässt Tressa (aus diversen Gründen) die Industrie. Ein Telefonat mit Riley wird gezeigt (der ja sozusagen ihr „Pimp“ ist). Sie erzählt ihm – was ihr sichtlich schwer fällt – von ihrer Entscheidung auszusteigen und Riley antwortet (ohne lange nachzudenken) er verstehe das und er wünsche ihr alles Gute. Dann ein paar Sekunden Schweigen bis Riley sagt: „Wenn das alles ist, dann guck ich mir meinen Film weiter an.“ Und die beiden verabschieden sich. Das ganze Gespräch dauert wohl rund eine Minute. Der Blick von Tressa als sie auflegt spricht Bände und auch ihre Worte „That was far easier than I thought.“

Und ja, natürlich zeigt es auch, wie egal Riley die „Person“ Tressa ist. Eines der letzten Bilder im Film ist Riley (siehe Bild oben) mit seinen „neuen“ Damen. Und alle klingen sie so wie Tressa am Anfang. Sie kosten die Freiheit. Sie träumen von Ruhm und Reichtum. Man kann ihnen nur Glück wünschen.

„Hot Girls Wanted“ bekommt von mir 8 von 10 möglichen, sicher keinen unvoreingenommenen aber sehr klaren Blick auf die „Amateur-Porno-Industrie“ werfende, Punkte.

PS: Gibt es aktuell nur auf Netflix.


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