Das finstere Tal (Filmkritik)

Das Tal liegt eingeschlossen von hohen Bergen, einsam und verlassen. Keine fremde Seele lässt sich freiwillig im Dorf blicken – schon gar nicht, wenn der Winter naht. Die Familie des Brenner-Bauern hat ihre eigene kleine Welt fest Griff. Sie ist das Gesetz im Tal. Nach dem haben sich alle anderen zu richten.

Als ein Fremder mit dem Namen Greider auftaucht, um Fotos zu machen, sind alle skeptisch. Aber da er Gold hat, darf er bleiben. Wenn auch nur unter großer Skepsis. Dann beginnen die Söhne des Brenner einer nach dem anderen das Leben zu lassen.

Wer mag wohl dahinter stecken … ?

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„Das finstere Tal“ ist seit langer Zeit wieder einmal das, was man in Österreich als „Blockbuster“ bezeichnen kann. Wo „Blutgletscher“ als Satire durchging und auf witzige Art und Weise (unfreiwillig) unterhaltsam war, setzt „Das finstere Tal“ ganz woanders an und kommt damit durch. Der Film von Andras Prochaska, auf dessen Konto auch die beiden „In drei Tagen bist du tot“-Teile gehen, ist düster, dunkel und bedeutungsschwanger. Ich muss zugeben, den Roman von Thomas Willmann nicht zu kennen, der als Vorlage für den Film diente, aber auch so war der Film für mich zu 99% vorhersehbar.

Um die nächsten Zeilen besser einordnen zu können, muss ich anmerken, dass ich kein Fan von Prochaska bin – gerade seine beiden „In drei Tagen bist du tot“-Filme waren – trotz des kommerziellen Erfolgs – für mich eher peinliche Genrebeiträge („Die unabsichtliche Entführung der Elfriede Ott“ war super, das lag aber mehr an den DarstellerInnen als am Drehbuch). Peinlich nicht in der Hinsicht, dass es per se schlechte Filme waren, aber wir haben damals im Kino bereits während dem Film begonnen, uns gegenseitig aufzuzählen aus welchem Film welche Szene geklaut war. Die Formulierung, die ich damals sehr treffend fand: „Wenn es das Ziel war, einen möglichst generischen, amerikanischen Film zu machen, dann hat es perfekt funktioniert.“ Das trifft für weite Strecken auch auf „Das finstere Tal“ zu.

Die positiven Seiten an dem Austro-Western ist die extrem gelungene Optik – die Bilder sind allesamt toll einfangen, die Düsternis, die Kälte, alles wunderbar und atmosphärisch – nahezu perfekt. Das Casting kann sich auch sehen lassen. Neben Tobias Moretti(„Speer und er“, „Midsummer Madness“, uva), der ja immer sehenswert ist und der hier einen der Brenner-Brüder gibt, ist es vor allem Sam Riley („Franklyn“), der als schweigsamer junger Rächer zu überzeugen weiß. Die paar Sätze, die der Mann spricht sind zwar nichts anderes als bedeutungsschwangere Floskeln, aber im Grunde braucht er nicht einmal zu reden. Es reicht, wenn er traurig und dennoch entschlossen in die Kamera blickt. Und das macht er oft. Sehr oft. Was nicht weiter stört, weil es die Stimmung des Films wirklich super transportiert. Auch Paula Beer macht ihre Sache als Erzählerin sehr gut.

Was am Film halt wirklich auffällt ist folgendes: Das Wort „Austro“ ist das einzige, was daran wirklich an Österreich erinnert. Natürlich hat man im Original noch den Dialekt, klar, aber ansonsten – der Film könnte überall spielen oder überall produziert worden sein, es macht keinen Unterschied. Das ist natürlich an sich mal zu einhundert Prozent wertneutral, denn das kann man super finden – weil die Geschichte „universell“ ist – oder auch doof, weil die Geschichte dadurch „beliebig“ wird. Je nachdem, wie man die Sache dann sieht.

Dazu kommt – und das kann ich gar nicht genug betonen – die Erwartung an den Film ist das tatsächlich Ausschlaggebende. Denn der Film ist langsam. Elegisch. Gemächlich. Laaaangsam. Wer von euch des Öfteren bereits Western gesehen hat, wird sich vermutlich an die Anfangsszene von „Spiel mir das Lied vom Tod“ erinnern, oder? Haltestelle für den Zug. Warten. Fliege. Warten. Schild im Wind. Warten. Und so weiter.
Das trifft hier in ähnlicher Form auf den ganzen Film und auch auf die einzelnen Szenen zu. Geübte KinogängerInnen sehen das Ende einer Szene meist schon fünf Sekunden nach Anfang derselben. Und vom Anfang zum Ende einer Szene kann es teilweise schon halbwegs dauern. Wer sich also Action erwartet – dämpft eure Euphorie. Der Film ist wirklich – hab ich das schon erwähnt? – langsam. Viele bedeutungsschwangere verbale Andeutungen und Blicke. Viele ebenso bedeutungsschwangere Schwenks wenn Leute auf Pferden durch die Gegend reiten. Sicher sorgt das für Atmosphäre, keine Frage. Aber spätestens ab der Halbzeit dachte ich mir, wenn ich jetzt nochmals fünf Minuten Herumreiterei sehe, dann krieg ich einen Anfall.

Die Action – wenn sie dann kommt – ist blutig und hart inszeniert. Da kann Prochaska, das wissen wir. Die Musikauswahl allerdings – das kann er nicht. Das gleich mal zum Anfang „Sinnerman“ entweiht wird (ja, ich finde diese Version ist Mist) mag ja Geschmacksache sein. Dass die Musik die Stimmung trifft gebe ich unumwunden zu, auch, dass der Text zum Teil perfekt zutrifft auch – aber das hätte man ja auch neu schreiben können. Was soll’s? Das ausgerechnet beim finalen Showdown in Zeitlupe diese seltsame Synthiemusik kommt, das war dann doch eher wieder lustig als spannend.

Eine Sache noch, die ich loswerden möchte: Da die Story und die Auflösung ja wohl eh für alle Menschen, die bis drei zählen können, klar ist, brauche ich hier jetzt nicht großartig aufzupassen und verrate auch nicht zu viel, wenn ich sage: Die Tatsache, dass Greider nur aufgrund eines technischen Vorsprungs (Sechslader-Gewehr) gewinnt, bleibt für mich im Film zu nebensächlich (Eine englisch sprechende, technisch überlegene Macht dringt in ein abgeschlossenes System ein und befreit es, ohne darum gebeten worden zu sein – erinnert euch an was? 😉 ). Auch der Übergang zum Showdown (verschlafen? Bitte, was? Verschlafen!?) war für mich seltsam unpassend. Das gilt auch für den riesengroßen Typen am Ende, der aus dem Nichts auftauchte. Neben mir fragte jemand „Wer ist denn das jetzt?“ und ich gestehe – ich hatte auch keine Ahnung. Das war wie in einem Computerspiel als plötzlich ein Zwischengegner irgendwo aus dem Nichts kommt, Hauptsache, da kommt noch ein Kampf vor. Im Abspann hab ich dann erkannt, wer das war – im Film kam mir die Person vorher nie bewusst unter.

„Die Freiheit ist ein Geschenk, dass sich nicht jeder gerne machen lässt“ – die Prämisse des Plakats und ein Hauptgrund für mein Interesse am Film (ist ja eine super Tagline!), bleibt über weite Strecken und kleine verbale Erklärungen nebenbei allerdings unbedeutend. Das Thema – anstatt der reinen Rachegeschichte – wäre sicher auch interessant genug gewesen, um es noch ein bisschen näher zu beleuchten. Der Film wäre gleich lang geworden und vielleicht doch nicht sooo langsam.

Das alles ist in Summe klarerweise Jammern auf hohem Niveau. Einem österreichischem Western als Kritik zu unterstellen, dass er a) zu elegisch und b) zu wenig österreichisch ist, kann man ja sogar indirekt als Lob auffassen. Das kommt darauf an, was der Regisseur erreichen wollte.

Alles in allem kann ich „Das finstere Tal“ durchaus, die richtige Erwartungshaltung vorausgesetzt, empfehlen und gebe ihm 7,5 von 10, die Alpen von einer tyrannischen Familie befreiende, Punkte.


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