Best Of Worst Case: Blutgletscher (Filmkritik)

In den deutschen Alpen befindet sich eine Forschungsstation. Vier Menschen, Techniker Janek, drei Wissenschaftler und der Hund Tinnitus. Als ein Trafo defekt ist, machen sich zwei davon (Janek ist dabei) und auch sein Hund. Problem: Als sie beim Trafo ankommen, sehen sie, dass ein Gletscher von roten Algen überzogen ist, also nehmen sie Proben mit. Tinnitus (der Hund) marschiert derweil in eine Höhle, legt sich mit „etwas“ an und kommt gestochen/gebissen retour.

Als Janek wieder zurück ins Lager kommt, wird kurze Zeit später klar, dass das Zeug keine Algen waren, sondern eine eigene Lebensform, welche die DNA des Mageninhalts seiner Wirte assimiliert und daraus neue Lebensformen entstehen lässt. Dumm nur, dass am nächsten Tage eine Ministerin vorbei kommt und dort Promo-Aufnahmen machen will. Auch dabei – Janeks Exfreundin.

Blutgletscher-film

Sehr geehrter Herr Kren, ich wende mich in dieser Kritik direkt an Sie, denn immerhin sind Sie Landsmann, also gibt es die Chance, dass Sie das hier vielleicht lesen. Ich komme gerade zurück aus einer Vorführung Ihres Filmes „Blutgletscher“. Ich muss Ihnen danken – ich habe schon lange nicht mehr so sehr im Kino gelacht – zumindest nicht bei einem Film, der sich als Inspiration auf Dante, Carpenter, Landis und Cronenberg beruft. Was Sie in Ihren Interview regelmäßig vergessen zu erwähnen: Dass sie die eben genannten persiflieren. Denn ein ernster Film kann „Blutgletscher“ unmöglich sein.

Und Sie haben Glück, dass ich es bin, der diese Kritik schreibt, denn wie Sie oben sehen können, bin ich ein großer Fan von Trashfilmen. Warum ich Ihren Film als Trashfilm zähle? Weil er unmöglich als ernster Film gemacht worden sein kann. Ich gestehe Ihnen zu, dass die Kameraarbeit, das Licht und der Ton optimal sind, gerade die Soundkulisse ist wirklich super geworden. Auch das Casting von Gerhard Liebmann als Kurt Russel-Ersatz („The Thing“) ist spitze (auch die Optik und sein Charakter sind ja klar an „The Thing“ angelehnt, um nicht zu sagen: Dreist kopiert). Aber das macht nichts. Ich mag sowas ja. Dass Sie (bzw. Drehbuchautor Benjamin Hessler) dann aber auch noch „Aliens“ derart dreist kopieren (ja, ich sage kopieren) ist dann doch ein wenig einfallslos.
Aber wie gesagt, ich finde das ja witzig. Vor allem, das Sie ja genügend Anstand beweisen, diese Filme ordentlich durch den Kakao zu ziehen – ich meine, ganz ernst: Haben Sie wirklich gedacht, Sie machen einen „seriösen“ Horrorfilm? Ich hoffe nicht. Was ich dann aber nicht ganz verstehe ist, warum Sie die ersten Minuten des Films so tun, als würden Sie das machen? Wenn schon, dann zu 100%, oder nicht?

Immerhin haben Sie ja danach bewiesen, dass Sie die Regeln des Trashfilms sehr gut begreifen. Sie haben eine junge Dame in Shorts, die aus dem Nichts auftaucht und auch keinen Namen kriegt und nur als optischer Blickfang da ist (auch wenn Sie eh nie wirklich im Bild ist), Sie haben Leute, die dumme Entscheidungen treffen (und niemand sagt ihnen, dass sie dumme Entscheidungen treffen). Sie haben Logiklöcher, nein, sie haben keine Logiklöcher in der Story, sie haben eine Story um die Logiklöcher herum (ich liebe sowas) und der beste Schauspieler – gleich nach Gerhard Liebmann – ist der Hund. Das ist ein Kompliment, denn die Anfangszenen mit diesem Tier waren wirklich fantastisch.

Dann noch die eigene Mutter als Ministerin einzubauen (die super spielt! – ein mir Unbekannter neben mir im Kino sagte „Die Fekter auf Speed!“) und die Synchronstimme von Harrison Ford mit Dialekt – köstlich. Ich habe dauernd darauf gewartet, dass er eine Peitsche schwingt und behauptet, er sei Teilzeit-Lehrer. Super! Alle anderen Schauspieler waren eher … naja. Sie waren halt da.
Leider haben Sie den Trashfaktor dann bei ein paar Stellen über- und bei ein paar untertrieben. Wenn man schon Monster im Film hat, dann sollte man die auch mal halbwegs sehen dürfen und nicht nur mit der Wackelkamera und so geschnitten, dass man eh nicht genau mitbekommt, was gerade passiert. In einem Trashfilm ist es egal, wie schlimm die Dinger aussehen – man sieht ihn sich ja ohnehin an, um zu lachen.

Ein passender Werbeslogan (wie mir von einem weiteren Sitznachbar vorgeschlagen wurde) für den Film wäre übrigens gewesen: „Blutgletscher – das Prequel zu Space Balls“. Ich fragte ihn warum und er meinte, weil man die Entstehungsgeschichte, von Waldi, dem Möter zu sehen bekommt.

Bitte übermittlen Sie Ihrem Produzenten meine Grüße und richten Sie ihm aus, wenn er wieder einmal einen Trashfilm machen will, dann kann er mich gerne anrufen, ich brauche sicher nur 50% des Budgets, dafür liefere ich 100% Trashfilm ab und bewerbe ihn dann nicht als Horrorthriller.

Was ich noch erwähnen wollte, weil ich es schade finde, ist, dass viele Leute den Film während der Vorstellung verlassen haben. Die Reihe vor mir hat Solitair am Handy gespielt, die neben uns haben eine Talkshow veranstaltet und meine direkte Sitznachbarin ist an meiner Schulter (fast) eingeschlafen. Das schiebe ich auf das missglückte Marketing, denn wie gesagt – ich liebe Trashfilme, ich hatte meinen Spaß. Wenn ich auch glaube – den Gesichtern und der Geschwindigkeit in der das Publikum den Saal verlassen hat zufolge – dass ich einer der wenigen war. Wirklich schade. Ich wiederhole: Falsches Marketing. „Blutgletscher“ als Horrorfilm zu bezeichnen, ist als würde man sagen Hansi Hinterseer spiele Death Metal.

In diesem Sinne – danke für einen vergnüglichen Abend ohne jeglichen Anspruch auf Niveau und Logik, und ich hoffe, ich sehe noch mehr von Ihren Filmen –das nächste Mal aber mit ehrlicherem Marketing.

„Blutgletscher“ bekommt von mir 7 von 10, zusammengeklaute und persiflierte, Punkte (wer Trashfilme nicht mag, kann getrost 5 Punkte abziehen)

Best of Worst Case-Urteil (Trashfaktor: Drehbuch):
Mit der richtigen Erwartungshaltung ein super Film – technisch makellos, glänzt er durch peinliche Szenen und handlungstechnisch unlogische Verhaltensweisen.

Fazit: Wer seltsame Verhaltensweisen von Charakteren lustig findet ist hier richtig. Technisch kann man dem Film wenig bis nichts vorwerfen.


3 Gedanken zu „Best Of Worst Case: Blutgletscher (Filmkritik)

  1. Ich war wohl eine der wenigen, die mit den richtigen Erwartungen in den Film gegangen ist. Es zahlt sich halt aus, mal eine Kinozeitschrift genau zu studieren. Ich hatte viel Spaß, was aber auch an den Co-Kommentatoren lag, die rund um mich verstreut saßen.

    Negativ in Erinnerung bleibt mir die gerade Anfangs extreme Wackelkamera – ich fragte mich schon wie ich diesen Film ohne Übelkeit überleben sollte.

    Extrem gut sind diverse Aufnahmen vom Gebirge gelungen, die es schaffen, eine Mischung aus Einsamkeit und Schönheit zu vermitteln.

    Das Ende war der Hammer, aber jetzt nicht unbedingt positiv gemeint.

    Nichts desto trotz, ein Film, nach dem ich lächelnd den Saal verlasse, hat zumindest irgendetwas richtig gemacht.

  2. Die wahre Spannung erzeugt für mich jetzt vor allem die theoretische Reaktion, ob der Regisseur weiß was er gemacht hat, oder einen guten Film machen wollte und auch glaubt, das geschafft zu haben. Wenn er keinen Humor haben sollte, dann wird er wohl die Kritik als Beleidigung seiner Kunst ansehen, aber das hätte er ja dann auch verdient, zumindest komm ich auf dieses Resümee, nach dem Genuss dieses „Briefes an den Macher“ 😉

    • Ich sehe die Kritik nicht als Beleidigung, denn immerhin betone ich mehrmals, dass ich – mit der richtigen Erwartungshaltung – davon ausgehe, dss die Leute bei dem Film ihren Spaß haben werden. Mit meinen Worten hoffe ich, den Leuten genau diese Erwartungshaltung nahezulegen, was ja letztlich bedeutet, dass ich den Regisseur dabei unterstütze seinen Film korrekt zu vermarkten.

      Logisch, oder? 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.