Siegburg – Stoic (Filmkritik)

Die vier jungen Männer Mitch, Peter, Jack und Harry (Edward Furlong) verbringen ihren Gefängnisalltag in der gemeinsamen Zelle meistens mit Kartenspielen. Nachdem Mitch beim aktuellen Pokerspiel sämtliche Zigaretten gewonnen hat, wollen die anderen drei Jungs trotzdem noch eine Chance, sie wieder zurückzugewinnen. Mitch willigt schließlich ein, doch er fordert, dass der Verlierer den gesamten Inhalt einer Zahnpastatube essen muss. Als jedoch ausgerechnet Mitch selbst als erster ausscheidet, weigert er sich die Pasta zu essen und schenkt lieber einige Zigaretten wieder her.

Seine drei Mitgefangenen warten kurz ab, doch schließlich zwingen sie ihn mit Gewalt seine Wettschuld zu begleichen. Nachdem die Situation gleich nach dem Vorfall weiter eskaliert, will Mitch in einer Verzweiflungsaktion mit dem Alarmknopf die Wärter herbeirufen. Peter, Jack und Harry können dies jedoch verhindern und fallen danach gemeinsam über Mitch her. Schließlich ist das Drücken auf den Alarm ein Tabu und einem Verräter der es trotzdem tut, muss unbedingt eine Lehre erteilt werden. Natürlich sind dabei Demütigungen und Misshandlungen aller Arten erlaubt. Für Mitch beginnt die schlimmste Nacht seines Lebens, die er wohl (zum Glück) nicht überleben wird.

Siegburg

Dies ist nach 1968 Tunnel Rats bereits der zweite Uwe Boll Film den ich euch vorstellen will, bei dem Boll eindeutig nicht unterhalten wollte, sondern wirklich versucht hat eine Botschaft zu vermitteln. Stoic wurde mit einem geringen Budget, nur vier Schauspielern und größtenteils in einem einzigen Raum gedreht.

Am Ende des Filmes kann man in den Schlusscredits noch so genau nach einem Drehbuchautor suchen, man wird keinen finden. Boll wollte die Ereignisse die 2006 in einem deutschen Gefängnis passiert sind verfilmen, und gab dafür seinen Darstellern nur die notwendigsten Anweisungen was die Handlung betraf. Dialoge waren dabei nicht vorgegeben, man hat sich hier völlig auf das Improvisationtalent der vier Schauspieler verlassen. Mangelnde Kreativität oder Angst vor riskanten Ideen kann man Mister Boll hier also wirklich nicht vorhalten.

Ob das Experiment geglückt ist wollt ihr nun wissen? Nun, Stoic ist ganz bestimmt einer der besten Boll Filme überhaupt, was die Machart, den Anspruch und die Schauspielkunst betrifft. Richtig gut ist Mister Boll aber anscheinend nur dann, wenn er richtig ungemütliche Filme macht, wobei dieser (außer vielleicht Seed aber auf eine andere Art) sicherlich der am schwierigsten anzusehende Boll Film überhaupt ist. Empfehlen kann ich den Film daher sicherlich nicht jedem, denn vor allem zwei Szenen haben es ins sich, eben gerade weil man nicht alles sieht aber genau weiß, was da gerade vorgeht.

Die Story beginnt ganz harmlos mit einem alltäglichen Pokerspiel und endet schließlich mit einem Mord. Der nur aus Boll Filmen bekannte Steffen Mennekes (Postal, Bloodrayne 2) spielt den primitiven und sich nur von seinen Instinkten leiten lassenden Kerl namens Alex. Er zwingt Mitch dazu Dinge zu essen, die ein normaler Mensch nie in den Mund nehmen würde (seit hier froh, dass ich nicht weiter ins Detail gehe).

Edward Furlong als Harry hab ich schon lange nicht mehr so gut gesehen.
Er ist ein zynischer kleiner Bastard, sieht er sich bedroht, dann schlägt er ohne Rücksicht auf Verluste zurück. Dabei kennt er keine Skrupel und agiert völlig amoralisch und sadistisch.

Sam Levinson als Peter ist wohl der zerissenste Charakter unter den vieren.
Durch ihn beginnt die Lage nach der eigentlich abgeschlossenen Zahnpastaaktion weiter zu eskalieren und er ist es auch, der am Ende die Ermordung von Mitch vorschlägt.
Während des Filmes will er aber gleichzeitig immer alles wieder beenden, weil sie ja schon viel zu weit gegangen sind.

Shaun Sipos schließlich als Mitch zeigt eindrucksvoll seine Fähigkeiten zu leiden bzw. diese Emotion zu spielen. Er ist wegen der körperlichen Unterlegenheit und seiner Schüchternheit das perfekte Opfer und ihm zuzusehen tut nach einiger Zeit dem Zuseher selber weh.

Dass hier keine einzige Szene voyeuristisch wirkt, dafür muss ich Herrn Boll wirklich gratulieren. Es gibt zwei wirklich heftige Situationen, die bei der falschen Herangehensweise höchstens Fans von Gewaltpornos gefallen hätten können.
ACHTUNG SPOILER:
In einer Szene wird Mitch von Jack vergewaltigt, in der darauffolgenden Szene „bestraft“ Harry den Misshandelten noch weiter mit einem Besenstil.
Die Kamera fokusiert sich bei beiden Aktionen auf die Gesichter der Protagonisten, die Musik wirkt einmal tranceähnlich verhallt und wird im zweiten Fall völlig weggelassen.
Dass mir danach trotzdem schlecht war ist wohl genau das, was der Regisseur erreichen wollte.
SPOILER ENDE.

Ist der Anspruch des Filmes gewesen uns wieder mal die Bestie Mensch zu zeigen, dann ist dies hier nuancenreicher als man erwartet hätte gelungen. Vielleicht soll dies aber auch eine Kritik an „unserem“ (wer auch immer damit dann gemeint ist) System sein und die Gefängnispolitik sollte so bald wie möglich überarbeitet werden.

In jedem Fall ein unbequemer Film, nicht weil man sich dem Thema nicht gerne widmet, sondern weil man die Machart des Filmes als ziemlich intensives Erlebnis abbekommt uns sich nachher leerer fühlt als zuvor. Eine abschreckendere Darstellung von Gewalt hab ich auf jeden Fall sowohl bei Boll als auch bei sonstigen Dramen (und als dieses geht er wohl am ehersten durch) nur selten gesehen.

Stoic bekommt von mir 6/10 verstörende, quälende Empfehlungspunkte.


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