Nachdem ihre Mutter an einer Überdosis stirbt, zieht Redele (Victoria Tait) nach Schottland zur Oma. Dort ist alles neu und Red, wie sie genannt wird, braucht ein wenig um sich einzugewöhnen. Sie knüpft Kontakte und trifft schräge Menschen. Wie zum Beispiel – so stellt sich heraus – ihre Großmutter ein wenig schräg ist … aber da ist sie nicht allein …

Ein Film, der „Rotkäppchen“ in der Moderne erzählt? Gedreht in Schottland mit (im Originalton) schottischen Akzenten? Und schottischen Landschaftsaufnahmen? Und großen, alten Häusern? Und dann noch produziert von Neil Marshall? Passt. Nehm ich. Guck ich mir an.
Die Ernüchterung tritt dann jedoch rasch ein, denn was ein an sich guter Film hätte werden können (freilich ohne wirklich neue Ansätze. Leider), leistet sich dann doch zu viele Schnitzer um über die gesamte Länge zu funktionieren und zu unterhalten.
Vorweg vielleicht: Die Figur von „Red“ ist an sich nicht unbedingt so richtig sympathisch und manchmal fragt man sich, ob sie eine Sache jetzt gemacht hat, weil es im Drehbuch stand oder ob das ihr Charakter wirklich so machen würde, aber gut. Das Problem kommt ja häufiger vor. Schauspielerisch macht Victoria Tait in ihrer ersten Rolle so gut wie alles richtig – die Figur ist halt jetzt nicht unbedingt eine, die ihr weltweiten Ruhm bringen wird.
Ansonsten ist schauspielerisch alles dabei: Von super über okay bis zu ‚echt jetzt‘ (auch bekannt als „overacting“). Aber in Summe funktioniert das alles schon ganz gut. Da kann ich aus dem Stehgreif ein Dutzend Filme aufzählen, die weit schlimmer sind und nicht in Schottland spielen mit (im Original) schottischen Akzenten. Ich weiß, dass ich das schon erwähnt habe, aber ich finde einfach Schottland optisch großartig und auch der schottische Akzent ist für meine Ohren einfach großartig. Nur damit ihr Bescheid wisst – ich bin da vielleicht ein wenig vorbelastet.
Für den Film spricht auch noch die Optik: Wir kriegen hier wirklich oftmals schöne, coole Bilder. Manche streng arrangiert (Szene beim Esstisch, sag ich nur) und andere einfach aufgrund der natürlichen Schönheit alter Herrenhäuser und Wälder und Landschaften. Da gibt es nichts zu meckern. Die handgemachten (schätze ich mal) Effekte sehen großteils super aus, wobei ich das großteils hervorheben möchte. Aber auch hier: alles im Rahmen.
Wo es halt dann rasch hakt ist die Musik. Die ist einfach immer da. Immer. Bodenski von der Band „Subway To Sally“ hat mal gesagt, um Lautstärke zu spüren muss es davor und danach auch mal leise sein. Das hätte jemand vielleicht Debut-Regisseur Craig Conway (er hat bei vielen Filmen von Marshall mitgemacht) sagen sollen. Die Musik an sich ist schon mal Geschmacksache, das aber jede Sekunde ohne Gespräch damit zugekleistert wird … das geht gar nicht. Keine Szene, keine Emotion wird stehen gelassen um wirken zu können – immer ist die Musik da, die dir sagen will, ob das jetzt episch oder traurig oder was auch immer sein will. Fand ich mühsam und tatsächlich richtig störend.
Auch Drehbuchautor Peter Stylianou hat vielleicht ein paar Dinge aufzuholen, denn wenn ein Film von Seiten Handlung erst im letzten Drittel mal in die Gänge kommt, dann kann man froh sein in Zeiten wie diesen noch jemand zu haben, der überhaupt dabei bleibt. Ich war tatsächlich mehrmals verleitet, den Film abzuschalten – weil schlichtweg nichts Spannendes passiert ist. Wenn man schon über eine Stunde Spannung aufbauen will, dann muss man an der Eskalationsschraube drehen. Man kann nicht einmal drehen und dann darauf hoffen, dass das jetzt bis zum Ende hin hält. Ja, es gibt ein paar Momente, die wären vermutlich zur Eskalation gedacht, aber – nein. Ich hab nix gespürt. Lag vielleicht auch an der Regie bzw. der Musik oder an beidem, aber so richtig funktioniert hat das für mich in der Form nicht.
Was die Auflösung der Story betrifft … hm. Ich sage mal so: Wenn jemand „Rotkäppchen“, welches im Original ja „Red Riding Hood“ heißt, nacherzählt und die Hauptfigur „Redele“ mit Spitznamen „Red“ nennt, ihr dann den Nachnamen „Riding“ gibt und ihre Mutter „Scarlett“ tauft, dann weiß man, dass hier ein Filmemacher ganz clever (oder ganz faul, ist wohl Ansichtssache) sein wollte. Ich sag es mal so: Metaphern, irgendwer? Die wären hier im Dutzend billig abzugeben.
Und ja, natürlich kann Red mit Schrotflinten umgehen und Kämpfe mit ausgewachsenen Männern gewinnen. Das ist ja wohl klar.
Also – nein, ich kann TROTZ Schottland und schottischen Akzenten, an sich schönen Bildern und absolut ausreichendem Schauspiel NICHT empfehlen. Hab ich schon schlechtere Filme gesehen? Ja. Bessere? Ja. Aber in dem Fall halt doppelt schade, weil das verschenkte Potential wirklich offensichtlich ist.
„Red Riding“ bekommt von mir 5 von 10 möglichen, leider an sich selbst scheiternde, Punkte.
