Phase 7 (Filmkritik)

Coco (Daniel Hendler) und seine Freundin (Jasmin Stuart) freuen sich, denn sie ist schwanger und das Kind wird bald zur Welt kommen. Als sie Einkaufen sind benehmen sich viele Leute rund um sie herum seltsam. Sie horten Lebensmittel und drehen ein wenig durch. Als die beiden Zuhause ankommen, werden sie kurz darauf ins Erdgeschoss gebeten. Es würde eine Virusinfektion im Haus geben, weshalb alle in Quarantäne geschickt werden und das ganze Haus wird abgeriegelt.

Die ersten Tage ist noch alles halbwegs normal, aber je länger die Sache dauert, desto unrunder werden alle. Spannungen zeigen sich und irgendwann fließt auch Blut. Vor allem der Nachbar Horatio (Yayo Guirdi) scheint ein wenig paranoid und wie sich im Laufe der Tage in Isolation zeigt, hat der gute Mann seine Vorbereitungen auf genau so eine Situation getroffen …

Es ist das Jahr 2010 und der argentinische Regisseur und Drehbuchautor Nicolas Goldbart hat scheinbar in die Zukunft geblickt. Denn die Situation, die sich in seinem Film „Phase 7“, kommt uns allen vermutlich seit 2 Jahren sehr bekannt vor. Pandemie. Virus. Isolation. Lockdown. Das alles sind Dinge, die in diesem Film vorkommen.

Ich habe ihn vor ein paar Jahren gesehen und habe ihn auch schon ewig auf Blu Ray Zuhause liegen und unlängst fiel mein Blick wieder mal darauf und ich habe mich daran erinnert, dass er mir damals eigentlich gut gefallen hat. Vor allem die entspannte Machart fand ich wirklich gut.

Jetzt hab ich ihn nochmals gesehen und durch die aktuelle Pandemie und auch die Lockdowns wirkt der Film noch realistischer als er vor ein paar Jahren gewirkt hat. Es kommen tatsächlich ganz viele Sachen vor, die man 2010 wohl noch für unmöglich und utopisch gehalten hätte, aber hey – wir wissen ja jetzt, dass es durchaus möglich ist, dass so etwas passiert.

Das beginnt bei der Tatsache, dass die Leute nur noch mit Masken im Gesicht herumlaufen, bis dahin, dass es einen Verschwörungstheoretiker gibt, der – ich sag es mal so – die Zeit seines Lebens hat, weil alle seine paranoiden Vorstellungen gerade bestätigt werden. Und Horatio hat sich gut vorbereitet. Von Schutzanzügen über Schutzräume bis hin zu Waffen und auch gehorteten Lebensmitteln ist alles da.

Die Spannungen im Haus steigern sich natürlich und die Gewalt nimmt auch zu. Das Misstrauen ist groß und es wird nicht kleiner. Hauptfigur Coco ist allerdings nicht die beste Identifikationsfigur, denn er kippt ständig zwischen intelligent über strunzdumm hin und her. Vor allem, dass er seiner Freundin eigentlich erst ganz am Ende sagt, was eigentlich im Haus passiert, fand ich sehr befremdlich.

Gut gelungen ist seine Interaktion mit Horatio, den er ein wenig irre hält und vor dem er primär Angst hat. Sein Glück ist, dass Horatio ihn lange Zeit als Verbündeten sieht, denn ohne diesen wäre Coco relativ rasch nicht mehr am Leben. Es gibt auch ein paar extrem gelungene Momente, diese sind eher ruhig und dafür umso eindringlicher.

So gibt es eine Szene als ein Nachbar sich von Coco einen Rasierer ausborgen möchte und Coco sagt ihm, dass er keinen hat. Also fragt dieser nach Rasierklingen. Auch das negiert Coco. Allerdings sitzt seine Freundin daneben, die ihn insofern aufblättert, als dass sie sagt, dass sich doch gerade gestern welche in einer Schublade gesehen habe. Coco meint, er habe sie weggeworfen, weil sie stumpf waren, aber sie glaubt das nicht, redet dagegen, geht dann nachsehen und findet welche. Und sogar einen Rasierer, welche sie freundlich dem Nachbarn borgt. Die Blicke, der Dialog und die Mimik … erste Sahne. Da entsteht ziemlich starke, gute Spannung. Oder als sich Nachbarn treffen um über einen anderen Nachbarn zu reden, weil sie möchten, dass er ein Stockwerk weiter nach unten siedelt, weil er scheinbar infiziert ist. Notfalls möchte man ihn mit Gewalt ausquartieren. Ebenfalls: Hochspannung und erinnert an manche Geschichten, die ich aus dem ersten Lockdown aus Großstädten kenne.

Alles in allem zieht sich der Film dann trotzdem zu lange dahin und auch wenn aus den limitierten Schauplätzen viel herausgeholt wird und viele Kameraperspektiven gut gelungen sind, so ist gerade das letzte Drittel einfach viel zu vorhersehbar, um wirklich hängen zu bleiben. Es gibt dann zwar noch einen kurzen Moment, nämlich wie die Geschichte rund um Horatio endet, der unerwartet und richtig cool ist, aber in Summe ist da die Luft schon raus.

Vielleicht hat die deutsche Synchronisation auch damit zu tun, dass die Sache ein wenig zu platt wirkt als es tatsächlich gemeint ist, aber in Summe fehlt es leider ein wenig an Highlights. Als Erstlingswerk (Drehbuch und Regie) aber auf jeden Fall ein starkes Stück. Hut ab. Und der Film auf alle Fälle – gerade 2022 – sehenswert.

„Phase 7“ bekommt von mir 7 von 10 möglichen, prophetische Punkte.


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