Promising Young Woman (Filmkritik)

Cassie (Carrie Mulligan) ist Kellnerin in einer Café-Bar. Sie hat aufgrund eines Vorfalls mit ihrer Freundin Nina ihr Jurastudium abgebrochen und jobbt jetzt so vor sich hin. Sie lebt bei ihren Eltern und zeigt auch rund um ihren 30. Geburtstag keine Ambitionen, daran etwas zu ändern. Allerdings hat sie ein etwas ungewöhnliches Hobby: Nachts putzt sie sich raus und spielt eine einsame, verlorene und vor allem extrem betrunkene Seele, wartet darauf von „netten Jungs“ nach Hause gebracht zu werden und sieht, wie weit diese bei einer betrunkenen, hilflosen Frau gehen würden, obwohl diese deutlich „Nein“ sagt. Und dann konfrontiert sie die Typen damit, dass sie weder betrunken ist noch hilflos.

Allerdings weiß das nicht wirklich jemand.

Und dann tritt auf einmal Ryan (Bo Burnham) in ihr Leben. Er ist ein alter Studienkollege und findet offensichtlich Gefallen an ihr. Und irgendwie scheint es, als ob Cassie ihren Weg zurück finden könnte in ein normales Leben, denn Ryan ist ein extrem netter Typ. Aber sie hat nunmal einen Plan, der lautet: Jene, die beim „Vorfall“ mit Nina dabei waren mindestens mit ihren Taten oder ihrem Schweigen zu konfrontieren …

Emerald Fennell hat mit diesem Film ihr Regiedebut für einen Langspielfilm abgeliefert und ich bin beeindruckt, dass sie es mit solch einem Film gemacht hat. Denn die Fallen, die hier auf die Regie lauern sind mannigfaltig. Das Thema ist sehr ernst und selbst der dunkle Humor muss gut positioniert sein, damit er funktioniert. Da kann viel schief gehen. Ist es zur lustig, dann kann man leicht sagen, man würde sich über das Thema lächerlich machen. Ist es zu dunkel, dann kann der Humor sehr schnell deplatziert wirken. Aber hier passt die Mischung einfach wirklich gut. Das mag daran liegen, das Fennell auch das Drehbuch geschrieben hat und ziemlich genau wusste, was sie wollte. Ich nehme an, das hat geholfen.

Was sicher auch geholfen hat ist die Tatsache, dass sich eine ganze Reihe an bekannten Gesichtern (Alison Brie, Clancy Brown, Jennifer Coolidge, Timothy E. Goodwin, Christopher Mintz-Plasse, Alfred Molina, usw) selbst für Minirollen hergibt. Und nachdem ich den Film gesehen habe, ist mir auch klar warum, denn bei solch einem Film mitzuwirken ist mit Sicherheit eine Chance, auf die man aufspringt. Soweit ich gelesen habe, gab es ein paar Schauspieler:innen, die skeptisch waren, ob der Film funktionieren kann (siehe Fallen, weiter oben), aber nach einem Treffen mit der Regisseurin waren sie überzeugt, dass es klappen würde.

Und für mich hat es geklappt.

Es ist wirklich ein heikler Spagat, aber er ist gelungen. Wir wissen ziemlich rasch von Anfang an, was mit Nina passiert ist. Nicht, weil es gesagt oder gezeigt wird, sondern weil wir alle in der gleichen Welt leben. Und allein, dass wir es wissen noch bevor es uns gesagt wird, zeigt, wie präsent das Thema ist. Die Szenen in denen Cassie nun ihre „Retter“ mit ihren Taten konfrontiert hätten ebenfalls sehr rasch peinlich werden können, aber sie funktionieren. Sie sind sogar streckenweise richtig lustig, allerdings nur dann, wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt, was da gerade passiert wäre, wenn Cassie sich nicht nur betrunken gestellt hätte.

Wie dem auch sei: Nach einiger Zeit kippt der Film und für eine Zeit ist er mehr romantische Liebeskomödie, bis er wieder zu düstereren Themen übergebt und auf sein Finale zusteuert. Und das Ende ist gewagt, sag ich mal. Fennell meinte in einem Interview, sie hat lange überlegt, aber ihr würde keine Version in keiner möglichen Welt einfallen, in der es hätte anders enden können, denn Tatsachen sind nunmal Tatsachen. Männer sind physisch stärker als Frauen. Das ist so. Das wird nicht allen schmecken, aber in Summe ist die Sache sehr konsequent.

Was ich wirklich toll fand, ist, wie sehr die Rache von Cassie funktioniert. Sei es, was sie mit Mitwisser:innen von damals macht, damit sie auch endlich mal fühlen, wie es ist oder wie man eine Direktorin („You cannot destroy the reputation of a promising young man just because of such an accusation.“) dazu bringt, zuzugeben, dass es vielleicht doch mehr hat sein können als nur eine Beschuldigung bis hin zu der einen Person, die so etwas wie Vergebung gefunden hat/finden wird.

Und alles ist stimmig und passt in die Geschichte und zum Charakter. Sogar die Liebesgeschichte passt super zum Charakter, weil sich Cassie ja in Wahrheit nach einem anderen Leben sehnt. Sie kann nur ihre Schuld und ihr Trauer nicht verarbeiten, kann nicht loslassen und deshalb braucht sie ein Ventil. Ich möchte gar nicht mehr dazu sagen, außer, dass der Film für mich wirklich ein Unikat ist, weil ich nicht wusste, dass man solch ein Thema auf diese Art und Weise zeigen kann ohne dass es lächerlich wirkt.

Und Carey Mulligan ist eine Naturgewalt in jeder einzelnen Szene. Liebster Moment: „You have to forgive me. You HAVE to.“ – Pause – „No.“ Die Art und Weise, wie dieses „No“ gesprochen wird, sagt mehr als unzählige Zeilen Text. Den Film solltet ihr euch übrigens in englischer Sprache ansehen, weil sonst viel an Nuancen und Subtext verloren geht. Aber das nur am Rande. Zweitliebste Szene: „We were kids!“ – „I swear: If I hear that one more time …“.

Abschließend kann man allen Beteiligten nur gratulieren: Dieser Film ist ein Unikat und ich habe ihn mittlerweile ziemlich vielen Menschen empfohlen. Aus dem Leben. Leider.

„Promising Young Woman“ bekommt 9 von 10 Punkten von mir. Keine weitere Erklärung notwendig.

PS: Wie üblich gibt es Stimmen, die dem Film Männerhass vorwerfen. Nein. Und nochmals: Nein. Wenn ihr das denkt, dann seid ihr Teil des Problems. Ganz ehrlich.


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