Das Mädchen, das die Seiten umblättert (Filmkritik)

Mélanie (Déborah Francois) ist eine Klavierspielerin. Sie ist jung, talentiert und hat eine große Zukunft vor sich. Vorausgesetzt, sie kommt in die berühmte Klavierschule, denn dort werden Stars gemacht. Beim Vorspiel kommt es jedoch durch eine Störung, verursacht von einer Lehrerin namens Ariane Fouchécourt, was dazu führt, dass sie einen Fehler macht und nicht aufgenommen wird. Damit ist ihre Karriere und ihre Leidenschaft beendet. Der Frust bezieht sich allerdings viel mehr auf das rücksichtslose Verhalten von Ariane (Catherine Frot), die selbst eine bekannte Pianistin ist.

Jahre später bewirbt sich im Haus von Ariane Fouchécourt eine junge Frau als Kindermädchen. Nach und nach vertraut ihr die Familie immer mehr. Selbst ihr anfangs skeptischer Mann mag das Mädchen. Die Tochter der beiden, die natürlich selbst Klavierspielen lernt, mag das neue Kindermädchen sowieso.

Natürlich ist nicht alles wie es scheint und Mélanie hat, sobald sie das Vertrauen der Familie gewonnen hat, einen sehr simplen, wie auch einfachen Plan, der zerstörte Ehen, Persönlichkeiten und Karrieren zurücklassen wird.

„Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ ist ein kleiner, gemeiner, ruhiger und entspannter Thriller. Es gibt keine Toten, es gibt kein Blut. Es gibt nur die klare Linie der Rache, die sich in allem was Mélanie macht spiegelt und es ist, ganz ehrlich, ein Genuss ihr dabei zuzusehen, wie sich ihr Plan nach und nach entfaltet.

Natürlich kann man die Motivation von Mélanie seltsam finden. Man kann auch sagen, dass ist unrealistisch. Man kann alles mögliche an dem Film angreifen. In meinen Augen wird allerdings sehr gut vermittelt, wie sehr Mélanie Ariane vergöttert, bis zu dem Zeitpunkt zu dem sich Ariane als rücksichtslos herausstellt. Dabei ist es nicht einmal relevant ob Ariane wirklich ein rücksichtsloses Biest ist oder nicht. Es geht darum, dass die Illusion von Mélanie, wie sie sich ihre „Göttin“ darstellt, zerbricht. Der Grund dafür ist völlig irrelevant. Mélanie „bestraft“ Ariane also nicht, weil sie Mélanies Karriere zerstört hat, sondern sie bestraft sie, weil sie ihr ihr Idealbild zerstört hat.

Und ich kann nur wiederholen wie langsam und zielstrebig sich alles aufbaut. Der Film ist wirklich klein, er ist gemein, er ist gezeichnet von Annäherung und dem Aufbau von Abhängigkeiten, die sich an den kleinsten Dingen festmachen, so zum Beispiel das Umblättern von Notenblättern einer Pianistin, die ihre Karriere wieder in Schwung bringen will. Das Mädchen, das die Seiten umblättert und die Pianistin sind eines in diesem Fall: Die Pianistin kann ohne die Anwesenheit der anderen nicht spielen. Weil das Timing nicht passt, weil sie nicht selbst umblättern kann und vor allem – weil sie die Sicherheit braucht, welche diese ausstrahlt. Das ist eine ganze eigene Art von Abhängigkeit, die der Film super transportiert.

Vor allem fand ich es faszinierend zuzusehen, wie leicht sich Mélanie mit ihren Manipulationen tut, weil das Umfeld um sie herum sich so sehr nach „Ausbruch“ sehnt, dass selbst kleine Blicke bereits durch das was hinein interpretiert wird, große Folgen haben können. Natürlich bleibt es nicht bei Blicken, aber man hat den Eindruck, als könnten diese sogar ausreichen. Dass sie auch das Kind mit in ihre Rache einbezieht ist doch ziemlich heftig. Aber so funktioniert Rache nunmal.

Catherine Frot als Ariane ist großartig, vor allem in Kombination mit Deborah Francóis. Die beiden passen zusammen und während die eine Ruhe ausstrahlt als könnte nicht mal ein Kometeneinschlag sie aus der Ruhe bringen, sitzt die andere nervös herum und selbst wenn sie nur stillsteht spürt man ihre Unruhe. Der Film wird von den beiden problemlos getragen und das (wie ich finde) clevere, unaufgeregte Drehbuch und die perfekt unaufdringliche Regie tragen das ihre bei, um hier einen absolut spannenden, ohne Blut und Mord auskommenden, Thriller zu inszenieren, bei dem man bis zum Ende gebannt am Sesselrand sitzt.

Hut ab vor Denis Dercourt, der Regie geführt, die Idee geliefert und auch am Skript mitgearbeitet hat. Das ist mal wieder ein kleiner, feiner, absolut gelungener Film gewesen.

„Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ bekommt von mir 8 von 10 möglichen, subtil und langsam das Drama anbahnende, Punkte.


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