Jojo Rabbit (Filmkritik)

In den späteren Jahren des zweiten Weltkrieges, lebt Johannes „Jojo“ Betzler (Roman Griffin Davis) alleine mit seiner Mutter Rosie (Scarlett Johansson) in Nazi-Deutschland. Der Vater ist an der Front in Italien und seine ältere Schwester ist vor kurzer Zeit an einer Grippe verstorben. Aktuell geht gerade sein Traum in Erfüllung, denn er wird dem „Deutschen Jungvolk“ beitreten.

Da er aber im Herzen ein sehr unsicherer Junge ist, hat er einen imaginären Freund, der ihn in schwierigen Situationen unterstützt. Sein „Freund“ ist niemand anderer als sein Idol Adolf Hitler (Taika Waititi). Als Jojo eines Tages Geräusche in seinem Haus hört, geht er der Sache nach und entdeckt versteckt in einem Geheimraum ein jüdisches Mädchen namens Elsa (Thomasin McKenzie), dem seine Mutter Rosie Zuflucht gewährt hat…

Der neuseeländische Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Taika Waititi. Ich muss zugeben bevor er „Thor: Ragnarok“ inszeniert hat, hatte ich noch nie von ihm gehört. Bei Thor wurde ihm auch in meinem Freundeskreis vorgeworfen, dass er alle emotionalen Szenen einfach mit Humor überspielt/zerstört, da das sein klarer Schwerpunkt ist. Nun, das kann man freilich so sehen, doch bei seinem aktuellen Werk, das auf dem Buch Caging Skies von Christine Leunens basiert, ist das sicherlich nicht der Fall.

Kritik gibt es natürlich auch hier und zwar wie die Nazis porträtiert werden. Ich habe damit kein Problem, auch weil ich den in einem Interview geäußerten Zugang des Regisseurs gut verstehe: Wie nimmt man etwas Furchtbarem am meisten Schrecken? In dem man über es lacht. In der heutigen Zeit heißt das für mich, sich gegen jede Form von Extremismus aufzulehnen, ohne Angst. Müsste man diese haben, dann wären nämlich sowieso bereits die falschen Menschen an der Macht.

Und was das Bedenkliche an der Figur eines „sympathischen Nazis“ betrifft. Erstens ist er das gar nicht, er macht nur zwei mal in seinem Leben das Richtige. Zweitens wird man ja nicht als Nazi geboren. Soll heißen: der ursprünglich gute, kindliche Kern eines Menschen kann zerstört sein oder auch verschüttet. In diesem Fall blitzt er eben dennoch manchmal durch. Heißt das jetzt Nazis sind gute Menschen? Das heraus zu lesen ist für mich dumm und nur dazu da, um sich künstlich aufzuregen.

So, jetzt aber zum eigentlichen Film und der funktioniert und zwar perfekt. Der Wechsel zwischen Humor und Drama, kindlichem Spaß und Kriegshorror ist dermaßen homogen, dass ich selbst ein paar mal den Kopf schütteln musste. Die Nazis sind dabei extrem stupide, stumpf und grotesk, so dass man sich sofort von ihnen distanzieren möchte. Ganz im Gegensatz zu Jojo und den beiden Damen in seinem Haus.

Wie bringt man einem Kind Fremdenhass bei? Man sagt ihm einfach, dass Juden Blut trinken, alles Schöne vernichten wollen und den Teufel in ihren Köpfen haben, der sie steuert. Jojo glaubt diese Dinge, ist auf seine Weise bereits fanatisch und wird quasi nebenbei erwachsen, als er intensiveren Kontakt zu einem jüdischen Mädchen hat. Da zweifelt er dann an seinem „Wissen“, doch um am Ende auch noch seinen Egoismus zu überwinden, da muss er sich noch mal einen richtigen Ruck geben.

Das ist der Kern der Story und es zieht einen hinein, daran hält man sich fest innerhalb all des Wahnsinns rund herum. Dazu passt natürlich auch Jojo´s Version von Hitler in seinem Kopf, denn wie sollte wohl das Idol eines zehnjährigen sein? Väterlich, cool und schräg wie Jojo selbst natürlich. Der Humor nimmt dabei den zahlreichen intensiveren Szenen nichts an Stärke, er hilft nur dabei nebenbei auch durchatmen zu können.

Roman Griffin Davis wurde ja quasi hiermit entdeckt und er passt ideal in die Titelrolle. Liebenswert, trotzig, voll mit Träumen und Zielen und klar ein Außenseiter. Thomasin McKenzie (Leave no Trace) als Elsa ist faszinierend und geheimnisvoll, verspielt und dann doch wieder unglaublich konsequent. Ihr darf auf keinen Fall etwas passieren, das ist klar. Die Erwachsenen sind ebenfalls voll bei der Sache und leben ihre Rollen.

Vor allem Scarlett Johansson (The Island) und Sam Rockwell (Moon) stechen dabei heraus. Sie, die liebende Mutter, die ihren Schmerz (fast) nie zeigt und auf ihre Art gegen die Unterdrückung der Nazis kämpft und er als verletzter und desillusionierter Captain, der sich nun mit der Ausbildung vom deutschen Jungvolk herumschlagen muss. Und Waititi selbst als Hitler? Als überdrehte Karikatur funktioniert er genau so wie er ist sehr gut.

Insgesamt also ein Film, der für mich sehr schön zeigt wie schnell man auf etwas hin gedrillt werden kann, doch auch dass es durchaus möglich ist, mit der Wahrheit dagegen anzukämpfen. Außer natürlich, man ist schon zu festgefahren. Schräg, skurril, traurig und zutiefst menschlich mit Szenen zwischen Jojo und dem Mädchen und Jojo und seiner Mutter (wie sie zum Beispiel seinen Vater „spielt“) als klare Highlights. Ich war danach, wachsamer, traurig und fühlte mich irgendwie wohl zugleich. Und ja, das war sehr stimmig so.

„Jojo Rabbit“ bekommt von mir 9/10 trotz übermächtigen Widerständen eigene Werte entwickelnde Empfehlungspunkte.


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