Tully (Filmkritik)

Die Ehefrau und dreifache Mutter Marlo (Charlize Theron) ist überfordert. Also heuert sie ein Kindermädchen namens Tully (Mackenzie Davis), damit sie ihr unter die Arme greift. Und Tully macht das. Sie unterstützt Marlo und gibt ihr so auch wieder Zeit, sich um ihr Privatleben, ihre Beziehung zu kümmern.

Aber Tully ist nicht das hilfsbereite Kindermädchen, für die Marlo sie hält. Ihr Einfluss und ihre Macht über Marlos Leben geht weiter als sie denkt. Bei einem gemeinsamen Abend in der Stadt kommt es zur Eskalation und Marlo muss sich gründliche Gedanken über ihr Leben machen …

Nachdem sie mit „Jennifer’s Body“ einen kleinen Reinfall hatte und davor mit „Juno“ groß rausgekommen ist, hat Diablo Cody nun mit „Tully“ wieder ein Drehbuch abgliefert, welches als Oscarmaterial gefeiert wird. Genauso wie Charlize Therons Performance als Marlo, die ja doch zentral für den Film ist. Und der Film selbst ist … irgendwie nicht zu einhundert Prozent stimmig, wie ich finde. Das liegt daran, dass ich nach dem Film und dem (sehr, sehr erwarteten Twist) nochmals über den Film nachgedacht habe und die Story für mich einfach nicht wirklich stimmig ist.

Gut, das kann auch an mir liegen, wie ich zugeben muss.

Was mich wirklich irritiert hat bzw. was ich gut finde und von dem ich hoffe, dass es auch alle emanzipierten Frauen nicht übersehen (zwei davon haben mir diesen Film empfohlen), wie der Ehemann am Ende dazu kommt und erzählt, was er alles macht/gemacht hat, den ganzen Film lang. Man sieht es nämlich nie. Der Film zeigt nämlich zum größten Teil das Empfinden(!) von Marlo. Das hat nicht zwingend immer mit der Realität zu tun, wie wir am Ende merken. Es gibt also – die ganze Zeit über – einen Vater im Hintergrund, der nur nie gezeigt wird. Fand ich eine interessante Wendung.

Der erwähnte Twist sollte vermutlich überraschen, allerdings war er ziemlich aufgelegt und den ganzen Film lang werden klare Hinweise eingestreut. Spannend finde ich auch die Vermarktung des Films, die scheinbar immer mit den Worten „Eine dreifache Mutter …“ beginnt. Selbst wenn man das Wort Ehefrau davorsetzt überlesen das viele. Habt ihr es oben gesehen? Das Ehefrau? Was hängenblieb war aber „dreifache Mutter“ oder und in eurem Kopf war sofort das Bild einer Alleinerzieherin, weil ja auch sie/Marlo das Kindermädchen anheuert und nicht das Paar. Verwirrt? Gut so, denn das will der Film mit euch machen.

Es gibt keine Action, es gibt nur Bilder, die zeigen, wie schwer es ist mehrfache Mutter zu sein. Der Vater? Der existiert im Film (bis knapp vor Ende) handlungstechnisch quasi nicht. Die Kinder von Marlo sind lieb und teilweise sehr eigen. Vor allem Jonah ist eine riesige Herausforderung und tatsächlich fand ich den Film als Metapher zwischen der Beziehung von Jonah und seiner Mutter viel besser als – wie beworben – Beleuchtung des Mutter-Daseins.

Alles in allem Film, der zwar sehr einseitig berichtet und dessen Twist (der dem Film jetzt nichts wegnimmt und nichts wirklich beisteuert) nicht überrascht, die Schwierigkeit der Kompatibilität von Mutter/Ehefrau/Hausfrau in unaufgeregten, aber durchaus berührenden und emotional treffenden (vor allem die Szenen zwischen ihr und Jonah und Drittpersonen) Momenten. Nicht der erwartete bzw. gehandelte Über-Drüber-Hit, aber völlig in Ordnung und sich weit sicherer in seiner Story und dem Ton als es „Jennifer’s Body“ war. Jason Reitman sei Dank. Theron und Davis spielen beide großartig und dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

„Tully“ bekommt 7 von 10 möglichen, von den Schauspieler*innen lebende, Punkte.


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