Life Is Strange: Before The Storm (Game-Review)

Chloes (Rhianna DeVries) Leben ist Mist. Ihr Vater ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, ihre Mutter hat einen neuen Freund, der ein militanter Sack ist und überhaupt nervt alles und jeder. In der Schule ist sie nur selten, ihre Mutter macht sich große Sorgen um sie und Freunde hat sie ohnehin keine.

Zumindest bis sie auf einem Konzert ihrer Lieblingsband „Firewalk“ von Rachel Ambers, dem beliebtesten und bekanntesten Mädchens der Schule, vor ein paar Trunkenbolden gerettet wird. Rasch entwickelt sich zwischen den beiden Mädchen ein Band aus Verständis, Freundschaft und vielleicht auch Liebe.

Aber in Arcadia Bay passieren seltsame Dinge. Und Chloe und Rachel stehen mittendrin in einem Sommer, der ihr ganzes Leben verändern wird …

Wow. Es ist ja jetzt eher schwer, ein Prequel zu schreiben, wenn alle bereits wissen, was am Ende passieren wird, weil ja der „erste Teil“ so beginnt. Das ist ja schließlich unvermeidbar. Und – sind wir mal ehrlich – die Latte ist in diesem Fall verdammt hoch gelegt worden. Der Nachfolger zum äußerst erfolgreichen „Life Is Strange“ von DontNod Games („Remember Me„) ist die Vorgeschichte, die zeigen soll wie Chloe und Rachel sich kennenlernen und warum die beiden füreinander so wichtig sind.

Und – tief durchatmen – das schaffen die neuen Entwickler, Deck Nine, die mit der Produktion der Vorgeschichte beauftragt wurden, extrem gut. Ich bin einer von denen, die „Life Is Strange“ gespielt haben und ich war skeptisch, ob „Before The Storm“ gut werden kann, da – nun, ich will nicht spoilern, aber das Ende von Rachels Geschichte ist kein Erfreuliches. Wie soll man diesen Schatten jemals loswerden?

Tatsächlich ist es so, dass „Before The Storm“ so gut ist, dass man sehr rasch vergisst, was danach passieren wird. Es gibt drei Episoden:
„Awake“ (in der wir Chloe kennenlernen und mit Rachel einen angenehmen Tag verbringen, Wein klauen und uns über Leute lustig machen, nur um am Ende vor dem Kopf gestoßen zu werden und dann doch wieder versöhnt).
„Brave New World“ – und die bringt drastische Veränderungen für unsere Heldinnen (und gibt mit einem Theaterstück (passenderweise „Der Sturm“ von Shakespeare) den Höhepunkt vor). Aber damit nicht genug – das Ende hat dann noch eine – nicht ganz unerwartete, aber spannende – Offenbarung.
Das Abschlusskapitel „Hell Is Empty“ führt die Fäden dann zusammen und zwingt uns zu einer harten Entscheidung.

Eine Geschichte ist aber nur so gut wie ihre Charaktere. Zum Glück haben Deck Nine es absolut super hinbekommen die Charaktere auszuarbeiten, die Dialoge zu schreiben und generell den Umgang der Figuren miteinander glaubwürdig zu gestalten. Wie Chloe auf Rachel reagiert, wie das Umfeld reagiert, wie Chloes Mutter versucht mit ihrer Trauer, ihrem neuen Freund und der Rebellion ihrer Tochter fertig zu werden, wie Rachels Eltern auf die „neue Freundschaft“ mit Chloe reagieren – alles passt zusammen. Sogar die MitschülerInnen rundherum (allen voran Steph – Steph rockt!) sind super ausgearbeitet und zeigen alle mehrere Facetten.

Sicher, ein Teil davon ist ein „Foreshadowing“ von dem was später folgen wird und ein paar der Szenen ergeben wohl nur dann ein schlüssiges Bild, wenn man „Life Is Strange“ davor gespielt hat bzw. wird man sich, wenn man es danach spielt wohl mehrmals „Ah – DAS war gemeint“ denken. Super hinbekommen.

Als Spiel kann man „Life Is Strange“ wohl genausowenig bezeichnen wie die Spiele von „Telltale“. Ich würde es eher eine interaktive Geschichte nennen. Thematisch sind wir wieder beim Erwachsenwerden, dem Umgang mit Trauer, Tod und Verlust und der großen Frage, ob Wahrheit wirklich immer die beste Lösung darstellt. Wer am Ende vor der großen Entscheidung nicht zumindest zögert, hat wohl nicht verstanden, worum es geht. Die Argumente, die beide Seiten liefern sind stichhaltig (Pun intended).

Chloe als Charakter wird um einiges runder und wenn ich an ihren Absturz in „Life Is Strange“ denke und an ihre Besessenheit bzgl. Rachel, dann kann ich das nach „Before The Storm“ absolut nachvollziehen. Rachel ist eine verdammt besondere junge Frau und die Funken, welche zwischen beiden fliegen, sind sowas von verständlich. Hut ab, Deck Nine. Wirklich. Sogar eher eindimensionale Charaktere aus dem Vorgänger wie Frank oder Nathan bekommen mehr Tiefe. Find ich super.

Die SprecherInnen wurden leider aufgrund eines SynchronsprecherInnenstreiks ausgetauscht, aber auch Rhianna DeVries, die als Chloe ihr Debut als Sprecherin und Schauspielerin gibt, macht ihre Sache großartig. Kylie Brown (auch nicht wirklich bekannt) als Rachel Ambers ist ebenso perfekt gecastet wie der Rest der SprecherInnen. Extra erwähnen möchte ich noch Katy Bentz, einfach weil ich Steph so dermaßen cool finde.

Der Soundtrack – bei einem Spiel wie diesem hier enorm wichtig – wurde von der Band „Daughter“ komponiert und macht so richtig was her. Er unterstreicht so ziemlich alle emotionalen Höhepunkte und Rückschläge mit textlich treffenden Metaphern, drängt sich nicht in den Vordergrund und bleibt dennoch im Gedächtnis, weil einfach die Kombination aus Bild und Ton dermaßen gut getroffen wird, dass es wirklich berührt. Respekt.

„Life Is Strange: Before The Storm“ bekommt von mir 9 von 10 möglichen, eigentlich so gut wie alles richtig machende, Punkte.

PS: Wer die „Deluxe“-Edition gekauft hat, hat mit Mitte März eine Bonus-Episode mit dem Titel „Farewell“ bekommen, welche Max (aus „Life Is Strange“) und Chloe im Kindesalter zeigt, als die beiden noch beste FreundInnen waren. Haltet eure Taschentücher bereit, Leute. Ehrlich.


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