Uncharted: The Lost Legacy (Game-Review)

Ihr Vater ist vor Jahren verschwunden. Seine Forschung war ihm wichtiger als seine Familie und er hat dafür mit dem Leben bezahlt. Da Chloe (Claudia Black) aber nunmal Chloe ist, macht sie sich auf den Weg, um seine Forschungen zu beenden und den Stoßzahn von Ganesh zu finden. Aber allein ist das schwierig. Und da Nathan Drake sich mit seiner Elena zur Ruhe gesetzt hat heuert Chloe Nadine Ross (Laury Bailey) an. Die ehemalige Söldnerin, die dank der Drakes ihre Söldnerfirma verloren hat, nimmt den Auftrag an.

In Indien suchen die beiden nach dem Stoßzahn des Hindu-Gottes Ganesh. Diesen sucht allerdings auch Asav, ein aufstrebender Rebell mit einer kleinen Privatarmee. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn Asav hat nicht nur einen Vorsprung und eine Armee – er hat auch keine Skrupel.

Im Laufe der Zeit kommen sich die beiden Damen, die mehr ein Zweckbündnis eingegangen sind, als wirklich aufeinander zu vertrauen, immer näher. Zumindest bis eine der beiden das aufkeimende Vertrauen drastisch zerstört … dabei stellt sich rasch heraus, dass es nicht nur um den Stoßzahn von Ganesh geht.

Viel muss man wohl nicht sagen, wenn es um die „Uncharted“-Reihe geht. Naughty Dog hat mit ihrem Charakter Nathan Drake und dem doch bereits vier Spiele umspannenden Franchise ja quasi den Inbegriff eines Systemsellers (also ein Spiel, welches gut genug ist, damit sich jemand extra dafür eine bestimmte Spielkonsole kauft – im Fall von Uncharted 4 zum Beispiel eine PS4) erschaffen. Waren die ersten drei Teile auf der PS3 bereits großartig anzusehen (es gibt auch eine für die PS4-Remastered-Version namens „The Nathan Drake Collection„), so hat „Uncharted 4: A Thief’s End“ auf der PS4 grafisch den Vogel absolut abgeschossen.

Nie zuvor hatte man dermaßen flüssig laufende optische Glanzleistungen gepaart mit solcher Detailverliebtheit gesehen wie bei diesem Spiel. Von den Charaktermodellen ganz zu schweigen. Die super ausgearbeiteten Charaktere und die mitreissende Geschichte, deren Abschluss auch als Finale der „Uncharted“-Reihe um Nathan zählt, war noch dazu brillant geschrieben und inszeniert. Kurz: Naughty Dog haben mehrfach bewiesen, warum sie einen so guten Ruf genießen (von „The Last Of Us“ wollen wir hier jetzt nicht anfangen).

Dann kam 2017 die Ankündigung, es würde einen Story-DLC für „Uncharted 4“ geben. Titel: „The Lost Legacy“. Was wie ein Ableger für Mobilgeräte klingt, war allerdings tatsächlich als Bonus-Content für das Hauptspiel gedacht. Und entgegen aller Erwartungen hatte sich die gute Truppe anstatt auf Nathan und Co sehr rasch auf die Hauptfiguren Chloe und Nadine geeinigt.

Das sollte allerdings niemanden wundern. Wer nach „Uncharted: Among Thieves“ nicht mehr von Chloe Frazer sehen und über sie wissen wollte, sollte sich wohl untersuchen lassen, denn es könnte sein, dass er/sie unter fehlendem Pulsschlag leidet: Wer nach ihrem (mehr oder weniger) Kurzauftritt in Teil 3 immer noch nicht genug bekommen hatte, findet wohl bei der Mehrheit der Uncharted-Fans Zustimmung.

Also logisch, dass Naughty Dog die Chance nutzt und als Fan-Service Chloe spielbar macht und als Hauptcharakter einsetzt. Aber Chloe Frazer ist nicht nur Fan-Service, sondern die Gute ist sozusagen der Inbegriff einer Power-Frau im Jahr 2018. Nicht auf den Mund gefallen, mächtig was in der Birne, hart ihm Nehmen als auch im Geben, das Herz am richtigen Fleck und nach dazu verdammt sexy und einen Hauch exotisch und perfekt (und ich meine: perfekt!) vertont von Claudia Black (auch zu hören als „Morrigan“ in den Dragon Age-Spielen).

Dass man ihr gerade Nadine Ross (die Gegenspielerin aus „Uncharted 4: A Thief’s End„) zur Seite stellt ist nicht nur der Frauen-Power gedankt, sondern auch der Figur von Nadine, die zum großen Teil das charakterliche Gegenstück zu Chloe darstellt, gleichzeitig aber auch eine der cooleren neuen Figuren im letzten Teil war. Denn Nadine war bereits im vierten Teil kein reiner Bösewicht, sondern in erster Linie eins: Eine Söldnerin, die ihre Dienste und die ihrer Armee dem bestbietenden Menschen zur Verfügung stellt. In diesem Fall ist das eben Chloe. Die Dynamik zwischen den beiden ist anfangs wirklich nur eine Zweckgemeinschaft und die Freundschaft von Chloe zu den beiden Drakes wird mehrfach von Nadine als Grund herangezogen ihrer „Auftraggeberin“ nicht so Recht zu trauen.

Diese Dynamik wird später noch weiter ausgebaut und vor allem die Dialoge und die Entwicklung der beiden Frauen steht klar im Mittelpunkt der Story. Diese Entwicklung ist selbst dann glaubhaft, wenn das Rundherum absolut Over-The-Top ist. Da werden schon mal Panzer mit Granaten beschossen, während man nebenbei streitet und sich mit saftigen One-Linern unangenehme Wahrheiten um die Ohren haut.

Und es funktioniert. Es funktioniert sogar dermaßen perfekt, dass mir Nathan Drake oder Sully (und ich liebe Sully!) zu keiner Sekunde auch nur irgendwie gefehlt haben. Hut ab, Naughty Dog, Hut ab. Dass der DLC dann zu einem Stand-Alone ausgeweitet wurde kann ich gut nachvollziehen, denn „Lost Legacy“ bietet für einen DLC verdammt lange verdammt gelungene und verdammt fantastisch aussehende Unterhaltung.

Wer der Meinung ist, dass es sich bei „Lost Legacy“ nur um Abzocke oder eine Fingerübung von Naughty Dog handelt, damit man ein wenig Kohle scheffeln kann bis endlich „The Last Of us Part II“ erscheint, kann gleich mal sein Entschuldigungsschreiben verfassen, denn das Niveau der Dialoge und der Geschichte steht denen von der Hauptreihe in nichts, aber absolut gar nichts nach. Gleiches gilt für die Kulissen, denn die sind einfach … beeindruckend. Gerade in der halboffenen Welt, in der man sich im zweiten Akt bewegt ist mir mehrfach die Kinnlade nach unten geklappt. Wie viel Details die Leute bei Naughty Dog in ihre Welten investieren ist einfach immer wieder erstaunlich. Selbst eine spätere Szene durch die man gerade mal durchläuft kann jederzeit pausiert, ausgedruckt und als Bild an die Wand gehängt werden. Das ist die Qualität an Grafik, die „Lost Legacy“ bietet. Es ist einfach unglaublich.

Einzig die Spielmechaniken: Hier merkt man wessen Geistes Kind es ist: Es ist ein Uncharted. Nicht mehr und nicht weniger. Das bedeutet, ihr bekommt ein Uncharted. Nicht mehr und nicht weniger. Vom Umfang her eine abgespeckte Version von „Uncharted 4„, von den Mechaniken her in etwa das Gleiche. Selbst die Spielorte/-szenarien wirken vertraut – da gibt es einstürzende Bauwerke, Handgemenge, Kletterpartien mit oder auf kaputtem Mauerwerk, Verfolgungsjagden zu Fuß, per Auto und ein Vorarbeiten auf einem fahrendem Zug. Alles schon mal da gewesen. Stimmt. Aber es macht noch immer Spaß.

Und vor allem die Schleichmechanik haben sie dieses Mal besser hinbekommen als bei Teil 4. Dieses Mal kann man tatsächlich damit durchkommen und die Gegner sind besser verteilt. Mir haben auch die (zugegeben: sehr leichten) Rätsel in „Lost Legacy“ einen Tick besser gefallen als in den Vorgängern. Vor allem aber ist der so genannte „Flow“ bei „Lost Legacy“ nahezu perfekt. Die Abwechslung von schleichen, klettern, rätseln, ballern, staunen, lachen und Beifall klatschen ist quasi perfektioniert.

Wenn dann im letzten Drittel des Spiels ein altbekannter Charakter dazustösst, dann hat man zuerst das Gefühl, es würde sich um ein „sicher ist sicher“ seitens der Entwickler handeln, aber nach ein paar Minuten merkt man, wie sehr man die beiden Hauptdarstellerinnen bereits als ebensolche akzeptiert hat und freut sich dennoch auf ein Wiedersehen. Zumal die dichte an witzigen Wortgefechten ab diesem Zeitpunkt nochmals eine Schippe drauflegt.

Kurzversion: Fans von „Uncharted“ sollten „Lost Legacy“ keinesfalls versäumen. Fans von den beiden „Tomb Raider“-Reboots: Auch ihr soltet euch „Lost Legacy“ zulegen. Eigenlich sollte sich jede/r, der/die eine PS4 besitzt „Lost Legacy“ zulegen. Ja. Es ist so gut.

„Uncharted: Lost Legacy“ bekommt 9 von 10 möglichen, ehemalige Nebencharaktere als Hauptcharaktere ausbauende und damit absolut durchkommende, Punkte.


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