The Invisible War (Filmkritik)

1,5 Millionen Soldaten befinden sind in Amerika im aktiven Dienst. Darunter mittlerweile auch viele Frauen. Was aber ziemlich unbekannt ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine dieser Frauen von einem Kameraden vergewaltigt wird, ist größer als durch Feindesfeuer zu sterben. Nur 8 Prozent dieser Fälle kommen zur Anzeige. Nur bei zwei Prozent davon gibt es Verurteilungen.

Ein Drittel der Frauen will die Täter nicht anzeigen, weil der Vorgesetzte, bei dem es angezeigt werden muss, ein Freund des Täters ist. Ein gutes Viertel will keine Anzeige erstatten, weil die Person, bei welcher sie diese erstatten müsste, der Täter ist.

Willkommen in der „glorreichen“ amerikanischen „U.S. Army“. Patriotengipfel von Hunderten Filmen. Willkommen … in der wirklichen Welt.

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Kori, Jessica, Robin und noch viele weitere, erzählen in dieser tragischen Dokumentation, wie sehr sie sich mit der U.S. Army identifiziert haben, wie sehr sie ihrem Land dienen wollten. Manche kommen aus Soldatenfamilien, der Stolz der Familie. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie wurden vergewaltigt (teilweise mehrmals) und sie müssen bis heute damit leben. Was die Sache noch um eine Ecke tragischer macht, ist, dass keine dieser Frauen es geschafft hat, die Täter auf eine Anklagebank zu bringen. Sie kennen die Täter, sie haben sie angezeigt, aber die Klagen wurden alle abgeschmettert. Teilweise kam es nicht einmal bis vor das (interne!) Gericht, weil die Vorgesetzten meinten, sie „sollen sich doch bitte mal zusammenreißen“.

In vielen Fällen lief es so, dass die Opfer von jenen, die sie eigentlich vor Gericht hätten vertreten und ihnen beistehen sollen, drangsaliert worden sind, endlich „Ruhe zu geben“. Sie wurden unter Druck gesetzt, ihnen wurde vorgeworfen falsche Aussagen zu machen und mit so ziemlich allen Mitteln klar gemacht, dass sie dabei sind, sich selbst ins „Aus“ zu schießen. Auch Männer sind unter den Interviewten, aber nur wenige – Frauen sind in der U.S. Army die klaren Opfer.

Aber es soll ja nicht heißen, dass da nichts getan wird. Zum Beispiel gibt es eine Dame, die von ihrem Vorgesetzten beauftragt wurde, einen kurzen Rock zu einer Versammlung anzuziehen. Als sie aus dem Aufzug steigt warten 200(!) Marines in der Halle auf sie, bilden links und rechts von ihr Reihen und während sie in Richtung Saal geht, beginnen sie die Frau zu begrapschen und ihr das Kleid vom Leib zu reißen. Hat jemand was gesehen? Ach wo.

Oder Cori, die mit einem Pistolengriff ins Gesicht geschlagen wurden (sie hat immer noch Schmerzen und Operationen hinter sowie vor sich), aber angezeigt wurde SIE, nicht der Täter, weil sie ihn weggestossen hat und er sich beim Umfallen am Türrahmen anschlug. Die Anklage? Verletzen eines Vorgesetzten. Ihr Wort stand gegen das Seine.

Nicht nur die betroffenen Frauen kommen zu Wort, auch ihre aktuellen Lebensgefährten und -innen, geben offene Interviews. Oftmals geht es darum, dass es schwer ist, ihren PartnerInnen körperlich näher zu kommen, weil diese es nicht aushalten berührt zu werden. Einer der Männer beschreibt unter Tränen, wie es sich anfühlt, wenn man mit einer Hand die eigene Frau eng umschlungen davon abhalten muss, sich mit einem Messer die Pulsadern aufzuschneiden, während man mit der anderen versucht den Notruf zu wählen …

Ein Film, der alles andere als gut tut. Ein Film, der keinen Spaß macht. Ein Film, der zeigt, wie das Leben in der „ach so glorreichen“ Armee vor sich geht, ohne Blümchenmuster oder irgendwelchen Patriotenmist. Ein wichtiger Film. Wer diesen Film sieht und erkennt, wie die U.S. Army mit ihren eigenen Leuten (Männer und Frauen) umgeht, der oder die sollte sich rasch mal die Frage stellen, wie diese Soldaten wohl mit Menschen umgehen, die nicht ihre Kameraden/Kameradinnen sind.

Amy Ziering und ihr Partner Kirby Dick ergreifen klar Partei, prangern die Umstände an und zeigen schonungslos und offen, was da passiert, wie es den Opfern geht und wie öffentliche Stellen damit umgehen. Das sind die wohl eindringlichsten Momente im Film. Als zum Beispiel eine Frau, die als Expertin der „Vergewaltigungsprävention“ angestellt wurde eine Kampagne startet. Diese beinhaltet Videoclips, die im Grunde nur eine Aussage haben: Mädchen, geh nicht allein herum! Und sogar Rapsongs, deren Inhalt auf den Satz: „Mein Kamerad ist betrunken, das Mädchen dort gefällt ihm. Ich sollte ihm sagen, dass er warten soll bis er nüchtern ist, bevor er sie anspricht oder etwas Dummes tut.“ reduziert werden kann.

Und das war es auch schon. Nein, ernsthaft. Das. War. Es. Auf die Frage „Gibt es andere Wege der Prävention?“, antwortet die Frau (nochmals: Präventionsexpertin!): „Die Antwort auf diese Frage liegt außerhalb meiner Expertise.“ Grandios. Da fühlt man sich gar nicht irgendwie an der Nase herumgeführt. Traurige Welt, traurige U.S.Army.

Ein Film, der berührt, erschüttert und die Augen öffnet. Unbedingt ansehen.

„The Invisible War“ bekommt 8,5 von 10 möglichen, schonungslos offene, Punkte.


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