The Walking Dead: Season 2 (Game-Review)

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Die Ereignisse aus „The Walking Dead Season 1“ sind schon eine Weile zurück und Clementine hat sich in der Zwischenzeit mit Omar und Christa durchgeschlagen – aber es kommt, wie es kommen muss und schon bald ist Clem alleine in der weiten Welt. Allerdings nicht lange, denn die tapfere Clem begegnet äußerst bald einer Gruppe von neuen Leuten, die sich in einem Haus einquartiert haben – und die Clem (trotz ihres jungen Alters) mehr als nur misstrauisch beäugen. Ganz abgesehen davon, dass die Gruppe auf der Flucht ist, vor wem oder warum spricht aber niemand so richtig aus, allein die Angst und die Anspannung sind dick da. Die Frage, ob Clem nicht alleine besser aufgehoben gewesen wäre, stellt sich relativ rasch.

Nachdem der erste Teil bzw. die erste Staffel der, wie von Telltale Games gewohnt, fünfteiligen Spielereihe mehr als 80 „Spiel des Jahres“-Auszeichnungen gewonnen hat, war ja sehr rasch klar, dass es einen zweiten Teil geben würde. Der wird nach dem netten „Intermezzo“ namens „400 Days“ auch prompt geliefert. Das Ende der ersten Staffel hat wohl klar gemacht, dass nunmehr die kleine Clementine, um die man sich im ersten Teil kümmert, mehr in den Mittelpunkt rückt – konkreter: Clementine ist der Charakter, den man/frau spielt – was natürlich einen neuen Gesichtspunkt liefert. Die Zombie-Apocalypse durch die Augen eines Kindes.

Um es vorweg zu nehmen: Staffel 2 macht verdammt viel richtig und gerade das Finale hat es in sich, aber dennoch hat der Weg dahin einen großen Nachteil: Die Erwartungshaltung des/der Spielers/Spielerin. Dazu später aber mehr.

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Episode 1: All That Remains

Die Auftaktepisode hat ein großes Problem: Der alte „Cast“ von Staffel 1 ist ja nun nicht mehr sehr groß und übrig bleiben letztlich nur Omar und Christa. Ohne zu viel zu verraten, so sind auch diese beiden in der ersten Episode nicht lange ein großes Thema und Clementine steht alleine da. Das Gefühl ein kleines, hilfloses Mädchen zu spielen ist gerade am Anfang der Episode relativ stark – eine Flucht, ein Unfall. Die Erkundung eines Lagers. Eine Freundschaft mit einen Hund, die relativ kurz dauert, und – für mich – sehr unerwartet endet. Dann neue Charaktere, die zwar allesamt gut eingeführt werden, aber für mich einfach zu viel auf einmal waren, um einerseits mit allen warm zu werden bzw. mir überhaupt zu merken, wer jetzt wer ist, aber andererseits dadurch auch spannend, weil ich die Verwirrung, die Clementine in dieser Situation spürt, sehr gut selbst nachvollziehen konnte.

Aber auch bereits diese Episode hat verdammt starke Momente, wie man sie von „The Walking Dead Season 1“ bereits kennt. Auch kann die kleine Clem bereits zeigen wie knallhart sie durch Lees Training geworden ist und sie sogar manch Erwachsenen meilenweit voraus ist. Am Ende wartet der obligatorische Cliffhanger, der in der Tat spannend geraten ist.

Steuerungstechnisch ist alles beim Alten, bzw. hat man ein wenig optimiert und Staffel 2 spielt sich genauso wie „The Wolf Among Us“ sehr intuitiv und sogar die wenigen Actionsequenzen sind weniger schwammig steuerbar (zumindest kommt es mir so vor, oder ich habe schon mehr Übung) als früher.

Fazit Episode 1: Super Auftakt, der nach anfänglicher „Altlast“-Entsorgung sehr gut in die Gänge kommt.

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Episode 2: A House Divided

Der Titel der Episode gibt den Ton vor. Die Bewohner im Haus sind einerseits geteilt (Dank Ende der ersten Episode) und anderseits sind sie sich auch noch uneins. Nicht die besten Vorrausetzungen für ein glückliches und entspanntes Zusammenleben. Diese Episode hat viel zu bieten, denn ein Charakter aus Staffel 1, den vermutlich alle für tot gehalten haben (ich auf jeden Fall) taucht wieder auf und ich konnte mir ein paar Freudentränen nicht so richtig verkneifen. Wenn das mal kein Anzeichen ist, wie gut Staffel 1 ist, dann weiß ich auch nicht.

Die Handlung zieht an bzw. kommt langsam mal in die Gänge. Ein paar der Fragen klären sich (Wovor haben die Leute im Haus Angst?) und andere Fragen kommen hinzu, während die Personen sich immer mehr öffnen und tatsächlich zu Charakteren werden.

Gekonnt wird auch der Charakter aus der alten Staffel genutzt, um Clems Loyalitäten zu testen, denn die neuen Leute sind Clems alten/r Bekannten gegenüber skeptisch. Steht Clem zu ihrem/r alten Freund/in?

Es gibt ein paar sehr tragische Momente in der Episode und die eine oder andere unerwartete Wendung, die ich so nicht habe kommen sehen, oder besser: Die ich kommen sehen habe, aber nicht wollte, dass sie passiert.

Fazit Episode 2:
Es geht spannend weiter. Das Auftauchen eines/r alten Bekannten sorgt für viele ambivalente Gefühle und spricht sehr für die Emotionen, die diese Serie auslösen kann. Das Ende zeigt sehr deutlich, was in der nächsten Episode passieren wird, weshalb der „Telltale“-übliche „WTF will happen next?“-Moment mir zumindest hier völlig fehlt. Zumal das angedeutete Setting ja bereits in der Serie mehrfach ausgeschlachtet wurde und mir mittlerweile bereits ein wenig auf den Keks geht.

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Episode 3: In Harm’s Way

In dieser Staffel nähert man sich wohl am ehesten der Serie an und manche Dinge mögen Sehern oder Lesern der Comics vielleicht bekannt vorkommen, auch wenn nicht wirklich etwas kopiert wird. Ein paar verzwickte moralische Momente kommen natürlich – wie üblich – nicht zu kurz und ein neuer Charakter namens Jane wird eingeführt, welche wohl die abgehärtetste Person im Spieluniversum von „The Walking Dead“ ist. Fast als wäre sie eine Zukunftsversion von Clem – kurze Haare, klar in ihren Ansichten und gut aufs Überleben vorbereitet – all die Dinge, die Lee ihr in der erste Staffel beigebracht hat, scheint sie verinnerlicht zu haben. Nur leider ist sie (oder ist sie nicht) eine absolute Egoistin. Die Zeit wird zeigen, ob das so stimmt.

Im Grunde dreht es sich vom äußeren Rahmen her um einen Gefängnisausbruch, aber ein wenig tiefer geht es um die Beziehung zwischen Clem und ihrem/r alten Bekannten aus Staffel 1. Wie weit ist man bereit zu gehen, um alte Bekannte zu schützen oder umgekehrt – wie stark ist die Bindung dieser alten Bekannten zu Clem? Was würden sie auf sich nehmen, um die Kleine vor Unheil zu bewahren?

Auch hier ist es so, dass die Story weniger von der Rahmenhandlung, als von den zwischenmenschlichen Momenten vorangetrieben wird und – sind wir doch ehrlich – genau um diese geht es ja auch. Wie oft kann eine Herde Walker denn noch furchteinflößend sein? Die wahren Dramen spielen sich zwischen den Personen ab und wie heißt es so schön? Man ist nicht, was man denkt, sondern man ist, was man tut. Frei nach dem Gedanken: „Wenn ich monströse Dinge tue, dann bin ich auch ein Monster, … oder?“

„Telltale Games“ schaffen es nahezu perfekt diese Frage in den Raum zu stellen und die Meinung der Spieler immer wieder pendeln zu lassen. Selten war ich mir so uneins bei einer Spielfigur: Ist diese Person jetzt nett und hat „schlimme Momente“ oder ist dieser Person in Wahrheit ein Monster und hat „nette Momente“ und die große Frage: Macht es überhaupt einen Unterschied?

Das Finale hat es dann übrigens in sich und Episode 3 endet verdammt gemeint. Und ich meine wirklich VERDAMMT gemein.

Fazit: Episode 3 ist zwar noch weit vom Finale entfernt, aber die Perfektion, wie Telltale hier unsere Loyalitäten testet und das Bild der Spieler/innen von einer Person immer wieder gekonnt von einem Extrem ins andere schiebt … ich bin beeindruckt. Wirklich. Die großen „Oh, mein Gott!“-Momente von Staffel 1 (ich sage nur: Was glaubt ihr, welches Fleisch ihr das esst?“) sind rar gesät, denn um diesbezüglich überrascht zu werden, ist man von Staffel 1 einfach viel zu verwöhnt.

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Episode 4: Amid The Ruins

Hier wird zum ersten Mal viel Potential verschenkt. Durch die Konzentration auf die Beziehung zu der Person aus der ersten Staffel gehen ein paar der anderen Charaktere unter und – Hand aufs Herz – in Episode 4 sterben sie, wie die Fliegen. Die Überlebenden dieser Episode kann man an einer Hand abzählen. Das ist streckenweise heftig und emotional sehr berührend und streckenweise völlig egal. Je nachdem, wie sehr ihr euch mit den „neuen“ Charakteren anfreunden konntet. Außerdem kommt wieder der „Ich kann es nicht beeinflussen“-Faktor ins Spiel. Ihr könnt erneut niemanden retten, der/die nicht vom Drehbuch her in der nächsten Episode gebraucht wird, aber – vielleicht ist es ein wichtiger Unterschied – ihr könnt zumindest beeinflussen auf welche Art und Weise es geschieht, bzw. ob ihr die Hand im Spiel habt, weggelaufen seid oder helfen wolltet. Glaubt es oder nicht – das macht über die Länge des Spiels hinweg einen mächtig großen Unterschied.

Minimale Langeweile schleicht sich leider hier und da ein, weil die Beziehungsmuster und Gespräche sich ein wenig im Kreise drehen. Dafür beginnt storymäßig das große Kriseln in der Gruppe, denn die Loyalitäten brechen, manche Leute tun Dinge, die man nicht für möglich gehalten hätte, aber immerhin – zumindest sehe ich das so – bleiben alle ihrem Charakter treu und ich hatte nie das Gefühl, dass die Entscheidungen der Personen nicht nachvollziehbar wären.

Fazit Episode 4:
Die wirklich großen Momente fehlen – trotz der hohen Sterberate – in dieser Episode, aber das Ende ist … hui, das Ende ist wirklich spannend. Der Titel trifft es perfekt. Umgeben von Ruinen. Baulichen. Aber auch menschlichen.

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Episode 5: No Going Back

Das große Finale. Ich gebe zu, dass ich das nicht erwartet hatte. Es gibt keinen großen Bösewicht, es gibt keine bösen Menschen, es gibt kein „Dies muss ich schaffen, dann gewinne ich.“ Nur eines gibt es: Überleben. Was bedeutet: Essen. Wärme.

Was das Finale von „Staffel 2“ wirklich auszeichnet ist der Fokus, der sich bereits die ganze Zeit über abgezeichnet hat: War in Staffel 1 der Feind außen und durch den Mann am Walky-Talky klar erkennbar, so gibt es dies hier nicht. Der Feind lauert im Inneren. Der Feind lauert dort, wo man ihn nicht vermutet – der Feind lauert im Betrug, in der Bereitschaft zur Gewalt, in der Tatsache, dass nicht jede/r alles ertragen kann.

Die Entscheidung, wie die Staffel endet, überlässt Telltale dieses Mal wirklich euch. Es gibt vier Enden (bzw. eigentlich fünf), alle vier tragisch schön auf die eine oder andere Art. Wie Telltale euch dahin führt ist wirklich super. Ich war völlig überrascht (positiv), dass man sich dieses Mal diesen Fokus genommen hat und bin dankbar dafür, dass – wenn man ehrlich ist – so gut wie nichts in dieser Staffel aus der ersten kopiert wurde. Telltale hat es tatsächlich geschafft.

Fazit Episode 5: Grandioses Finale, dass euch tatsächlich in (sehr) verschiedene Ende gehen lässt.

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Die gesamte zweite Staffel:
Es ist von Anfang an klar gewesen, dass die Erwartungshaltung an die zweite Staffel eigentlich gar nicht erfüllt werden kann, denn wenn etwas ein Überraschungshit ist, dann hat dieser den Vorteil, dass eben niemand damit gerechnet hat und dadurch auch keine Erwartungen zu erfüllen waren. Bei einer zweiten Staffel (eigentlich jedem zweiten Teil) ist das natürlich anders – umso überraschender, wenn dann zweite Teile doch besser sind als die ersten („Captain America: Winter Soldier“ als Beispiel).

„Telltale Games“ macht bei „The Walking Dead Season 2“ eigentlich alles richtig: Clementine als Hauptfigur einzusetzen, ist das einzige, was Sinn hat. Eine neue Beschützerperson einzuführen, die sich um die Kleine kümmern muss, wäre zu sehr wie Staffel 1 gewesen und ohne sie weitermachen hätte die gesamte erste Staffel irgendwie ad absurdum geführt und wäre bei Fans alles andere als gut angekommen.

Die charakterliche Weiterentwicklung von Clem wird super einfangen und ich als Spieler war nicht nur einmal mächtig stolz auf „meine“ Clem, die ich immerhin in der ersten Staffel fünf Episoden lang durch mein Vorbild zu dem gemacht habe, was sie jetzt ist. Und Clem hat es drauf.

Die Einführung bzw. Eingliederung eines Charakters aus Staffel 1 war wohl allen klar, aber gerade wer es ist und die Interaktion mit Clem … großartig. Ein Spitzenidee, denn vor allem die Loyalitätskonflikte, in die Clem damit gerät, sind der Dreh- und Angelpunkt der gesamten Staffel. Wirklich, wirklich super gelöst und vorausgedacht. Hut ab.

Einzig, dass Clem als Kind und noch dazu als Neuling in der Gruppe jene Person ist, welche von den meisten um Rat gefragt wird, oder die von den Erwachsenen immer wieder zu Dingen und Taten angestiftet wird, die man wohl einem Kind nicht machen lassen würde, kommt manchmal ein wenig seltsam daher. Da kommt das Gefühl auf, dass die erwachsenen Menschen rund um Clem doch ziemlich alle wirklich Weicheier sind und/oder mehr oder weniger einen gewaltig an der Waffel haben (und alle, wirklich ALLE jammern gern über die „schweren Lasten“, die sie mit sich herumschleppen müssen herum … dabei erinnern wir uns wohl alle, was Clem durchgemacht hat … die jammert aber NIE). Klar – als Spielfigur immer nur am Rande beteiligt zu sein wäre wohl doof gewesen, aber dennoch ist es hin und wieder zu viel des Guten. Durch die enge Bindung an den Charakter aus der ersten Staffel lässt sich halt dann doch sehr gut ableiten, warum die Kleine so oft vorgeschickt wird. Netter Kunstgriff, aber dennoch … es gibt da ein paar Momente … naja. Lassen wir das.

Ich hoffe, dass es eine Staffel 3 geben wird. Da aber die verschiedenen Enden von dieser Staffel wirklich, WIRKLICH SEHR verschieden ausfallen, bin ich mal gespannt, wie und in welcher Form das weitergehen kann/wird.

Ach, falls es euch interessiert: Ja. Ich musste auch am Ende von dieser Staffel heulen wie ein Schlosshund. Und Nein, das ist überhaupt nicht peinlich.

„The Walking Dead Season 2“ bekommt 9,5 von 10 möglichen, Staffel 1 zwar nicht überbietende, aber würdevoll fortführende, Punkte.

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