Stoker (Filmkritik)

Indias Vater ist gestorben, bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Als plötzlich ihr Onkel Charlie auftaucht, den lange Zeit niemand zu Gesicht bekommen hat, wird ihr Leben eine Spur seltsamer. Denn Onkel Charlie ist ein ungewöhnlicher Kerl. Indias Mutter kann sich seinem Charme nur schwer entziehen, aber nach und nach dämmert India, dass etwas überhaupt nicht stimmt. Was an sich gut passt, denn auch India ist alles andere als eine den Normen entsprechende junge Frau …

Stoker

Als ich die ersten Trailer zu „Stoker“ gesehen habe, dachte ich mir, dass dieser Film ganz sicher zu den Hightlights des Kinojahres gehören wird. Tatsächlich zähle ich ihn zu meinen größeren Enttäuschungen. Das ist doppelt bitter, denn die Kombination aus einer bedrohlichen Story, einem tollen Regisseur und einer super Besetzung hätte durchaus das Potential auf mehr, aber wie in letzter Zeit so oft verirrt man sich irgendwo am Weg. Dass der Trailer übrigens alle Überraschungen im Film verrät (ja, alle) hilft auch nicht Besonders weiter.

Aber zurück zum Anfang – die Ausgangssituation ist tatsächlich traumatisch und dass India kein normales Mädchen ist, ist ziemlich rasch klar. Mia Wasikowska kann nach „Alice im Wunderland“ von Tim Burton endlich zeigen, dass sie eine ernstzunehmende Schauspielerin ist. Nicole Kidman darf eine verbitterte, trinkende Mutter spielen (und einen der besten Monologe ihrer Karriere abgeben – siehe Anfang des Trailers) und Matthew Goode („Watchmen„) gibt den bedrohlichen Onkel verdammt furchteinflößend. Die düstere Stimmung wird nahezu perfekt durch die Kamera eingefangen, die Dialoge – vor allem in der ersten Hälfte des Films – sind mystisch, bedeutungsschwanger und voller Subtext. Ein grandioser Start. Dann baut der Film nach und nach ab und je mehr enthüllt wird, desto mehr verliert der Film.

Hier folgen ein paar Dinge, die man als Spoiler verstehen könnte, deshalb bitte ich alle, die sich nichts verderben wollen, den nächsten Absatz zu überspringen (und sich nicht den Trailer anzusehen).

SPOILER SPOILER SPOILER SPOILER SPOILER SPOILER SPOILER SPOILER SPOILER
Onkel Charlies Geschichte wird relativ bald aufgedeckt und je mehr man erfährt, desto dümmer kamen mir die Reaktionen der anderen Charaktere im Film vor. Die stille Bedrohung, die Ungewissheit, die anfangs von ihm ausgeht, weicht bald der Gewissheit, dass er ein Psychpath ist und die Faszination, die er anfangs ausstrahlt verliert sich in einer durchschnittlichen Psychopathenrolle.

Auch die Wandlung von India von einer ein wenig seltsamen Frau hin zu einer kleinen Irren, die nur dann sexuelle Erregung verspüren kann, wenn sie jemanden ermordet, oder einer Ermordung beiwohnt, ist zwar perfekt in Bilder eingefangen – und Hut ab vor Mia Wasikowska – aber auch diese Wandlung ist extrem rasch klar und deshalb keine Überraschung mehr. So viele Leute verhalten sich so doof, dass die Glaubwürdigkeit der Geschehnisse einfach drastisch reduziert wird. Schade. Vor allem, dass niemand den Tod des Vaters mit Onkel Charlie in Verbindung bringt ist echt völlig abartig.
SPOILER ENDE SPOILER ENDE SPOILER ENDE SPOILER ENDE SPOILER ENDE

Alles in allem ist „Stoker“ ein visuell und schauspielerisch absolut gelungener und überzeugender Film, der ziemlich eindrucksvoll zeigt, wie gut Chan-wook Park (das Original von „Old Boy“) in seinem Fach ist. Die Bildsprache ist tatsächlich streckenweise überwältigend und die erzeugten Stimmungen absolut treffend. Schade nur, dass das Drehbuch an so vielen Ecken und Enden löchert, dass dem Film die Spannung nach zwei Dritteln so gut wie völlig fehlt.

Wer also einen visuell absolut überzeugenden Film sehen will, der/die soll sich „Stoker“ ansehen. Wer eine überzeugende, durchdachte Handlung sehen will innerhalb welcher die Charaktere nachvollziehbar agieren – Finger weg.

„Stoker“ bekommt von mir 6,5 von 10 möglichen, die Bildkomposition über die Storykomposition stellende, Punkte.

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