Hell (Filmkritik)

Wir schreiben das Jahr 2016. In den vergangenen Jahren hat die immer stärker werdende Sonneneinstrahlung sämtliche einst grüne Landschaften zerstört und zu verdorrten Einöden gemacht. Bei Tageslicht ist bereits ein kurzer Aufenthalt bei direkter Sonneneinstrahlung lebensbedrohlich was auch erklärt, warum nur wenige diese Katastrophe überlebt haben.

Auf der Suche nach Wasser aus den Bergen oberhalb der Waldgrenze, treffen Marie (Hannah Herzsprung), ihr Freund Philip (Lars Eidinger) und ihre kleine Schwester Leonie (Lisa Vicari) auf einer verlassenen Tankstelle auf den geheimnisvollen Tom (Stipe Erceg). Zunächst vertrauen sich die Mitglieder dieser eigenwilligen Reisegruppe nicht so wirklich, doch als Leonie von anderen Überlebenden entführt wird, beginnt ein gnadenloser Überlebenskampf, bei dem die Sonne und der Wassermangel nicht die einzigen Probleme sind, die zu einem schnellen, unnatürlichen Tod führen könnten.

Hell

Hell (der Filmtitel ist übrigens sowohl auf deutsch als auch auf englisch passend für das Gesamtprodukt) ist das Spielfilmdebüt des Schweizer Regisseurs Tim Fehlbaum. Im Juni 2011 hatte der Film Weltpremiere auf dem Filmfest in München und lief danach auch auf dem „Internationalen Filmfestibal Locarno“ und beim Fantasyfilmfest in Hamburg. Mittlerweile gab es bei diversen Veranstaltungen Preise für den besten Schnitt, die beste Musik und für den Kameramann und Fehlbaum selbst (der die zweite Kamera führte) neben dem „New Faces Award“ auch den Preis für die beste Kamera.

Bereits 2009 begannen die Vorbereitungen zum Film und nachdem man Roland Emmerich als Produzenten gewinnen konnte, ging die Produktion Anfang 2010 richtig los. Ein dystopisches Science Fiction Drama mit Horrorelementen aus Deutschland? Hat es das schon mal gegeben und kann das Endergebnis dann auch noch gut sein? Ursprünglich sollte dies ja ein Zombiefilm werden, zum Glück hat man sich im Laufe der Gespräche aber auf die Sonne als Gegner geeinigt (wenn man will, kann man sich ja „Extinction“ mit Daniel Buder anschauen, als Negativbeispiel eines langweiligen und verschenkten deutschen Zombiefilmes).

Beeindruckend von Beginn an ist die gewählte Optik, die den lebensbedrohlichen Zustand der Sonne in jeder Szene spürbar macht. Erzeugt wurde dieser Effekt zunächst neben dem gezielten Einsatz der Lichter auch durch das Verteilen von insgesamt sieben Tonnen Biostaub in/für die Atmosphäre. Der Rest – was wohl den Großteil ausgemacht hat – wurde in der Nachbearbeitung im Studio gezaubert. Unterstützt durch clever gewählte Drehorte wie etwa ein verbranntes Waldstück auf Korsika, bleibt so kein Zweifel daran, dass die Erde immer mehr zu einer unwirtlichen Wüste zu werden droht.

Storymäßig wird nicht das Schicksal der gesamten Menschheit erzählt, sondern nur die Geschichte von vier Menschen, die einfach nur überleben wollen und mit der Gesamtsituation mehr oder weniger überfordert sind. Die große Schwester der die „Elternrolle“ zuviel ist, die kleine rebellierende Schwester, der Normalo der gerne mutiger wäre als er ist und der geheimnisvolle Fremde, mit dem Herz am richtigen Fleck. Das dem Zuschauer wohlbekannte „zuerst mache ich Fehler und dann wachse ich über mich hinaus“- Syndrom der Hauptdarsteller kommt zwar auch hier zum Einsatz, doch in einer angenehm unaufdringlichen Art und Weise.

Ohne zuviel verraten zu wollen kommt man auch hier wieder mal zur jener erschreckenden Erkenntnis: bringt uns die Natur (in diesem Fall die Sonne und der Wassermangel) nicht um, dann machen wir das lieber selber. Die Bestie Mensch konnte sich immer schon am Besten gegenseitig töten, am liebsten auch noch unter der Berufung auf höhere Mächte, damit man ja nicht selber Schuld daran ist. Ja so sind wir eben, in der Not ist sich eben jeder selbst der nächste. Abgesehen von (Film)Helden natürlich, die am Ende zwar gebrochen aber trotzdem sich selber treu geblieben sind.

Schauspielerisch wird der gesamte Film getragen von der Performance von Hannah Herzsprung (Vier Minuten) und die macht ihre Sache wirklich großartig. Schon alleine ihre Präsenz ist ziemlich intensiv und wie sie im Laufe der Handlung ihre Passivität abstreifen kann und immer aktiver wird, wirkt vollkommen natürlich und in keiner Weise bemüht. Sie ist keine Heldin, sie will nur ihre Schwester retten und das „Richtige“ tun. Die Chemie zwischen den Filmschwestern Herzsprung und Lisa Vicari ist dabei toll und in typisch geschwisterlicher Weise unharmonisch.

Lars Eidinger spielt seine „der Kerl ist doch eigentlich ein Feigling, warum stirbt der nicht endlich“ Rolle so gut, dass man ihn trotzdem gern hat, da er eben gerade nicht alle Erwartungen erfüllt, die er zunächst im Zuschauer weckt. Cool und emotional hingegen ist Stipe Erceg, den man nicht wirklich in eine bestimmte Kategorie stecken kann und der als Gegenpol zur unterkühlten Figur von Eidinger sehr gut funktioniert.

Insgesamt also ein optisch einzigartiger Endzeitfilm aus Deutschland, der zwar inhaltlich bekannte Pfade beschreitet, es aber doch schafft mit Hilfe eines Genremixes seinen eigenständigen Weg zu gehen, mit (ein wenig) Hilfe der überragenden Hauptdarstellerin. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was Tim Fehlbaum´s nächste Produktion sein wird.

Auf der gestochen scharfen Blu-Ray, die seit 26. April im Handel erhältlich ist, findet man neben zwei Trailern auch Interviews mit den Darstellern und ein kurzes Feature über die Entstehungsgeschichte von „Hell“. Wirklich informativ ist aber das Making Of, in dem man einiges über die Effekte und die Leute hinter den Kulissen erfahren kann und die Regisseur Fehlbaum als konzentrierten und grundsympathischen Allrounder zeigen.

Hell bekommt von mir 8/10 nicht zu helle Empfehlungspunkte, um trotzdem hinsehen zu wollen.


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