I. Care. A. Lot. (Filmkritik)

Marla (Rosamund Pike) ist Erwachsenenvertreterin (ehemals Sachwalterin genannt) und ist spezialisiert auf alte Menschen. Den entscheidenden Richter hat sie um den Finger gewickelt und sich ein Netzwerk aufgebaut, welches ihr in die Hände spielt. Eine Ärztin, die ihr reiche, alte, alleinstehende Patient*innen meldet. Ärzte, die diesen Patient*innen Demenz und Unselbständigkeit diagnostizieren und ein Pflegeheim, dessen Leiter sie in der Tasche hat.

Dieses Mal hat sie Jennifer Peterson (Dianne Wiest) als Opfer auserkoren, die ihr als alleinstehend und reich präsentiert wird. Tatsache ist, dass ihre Informationen falsch sind, denn Jennifers Sohn (Peter Dinklage) ist untergetaucht, offiziell tot und das hat einen Grund. Denn dieser hat sein eigenes, kleines, nicht legales Imperium und er sieht es nicht gern, dass irgendjemand seine Mutter in ein Pflegeheim steckt und enteignet …

„I. Care. A. Lot“ hat eine tolle Prämisse und die Figur von Rosamund Pike ist aus dem Leben gegriffen. Nun, vielleicht nicht die Figur, aber das, was sie tut. Ich arbeite im Sozialbereich und mir fallen aus dem Stehgreif zwei Erwachsenenvertreter ein (Anwaltskanzleien), denen ich leider nichts beweisen kann, aber deren Verhalten genau dem von Marla entspricht. Deren Kanzleien leben von einer Menge (40 bis 70) an Sachwalterschaften, allesamt von alten Menschen, allesamt – mit ein/zwei Ausnahmen – ins Altersheim abgeschoben und „medikamentös eingestellt“, wie das so schön heißt). Also konnte ich mich sehr gut in den Film reinfühlen. Und glaubt mir: Genau so leicht, wie es hier im Film gezeigt wird ist es … tatsächlich. Vorausgesetzt man kennt die richtigen Leute.

Trotzdem wird Marla hier im Film als das kleinere Übel präsentiert und sie ist im Grunde genommen die Heldin des Films, denn der Sohn von Jennifer ist ja (scheinbar) noch schlimmer. So oder so ähnlich. Oder die Macher dachten sich, dass Marla eine so faszinierende Figur ist, dass man sie nicht mögen muss und sich den Film trotzdem ansieht. Nun, nein, auch das stimmt nicht. Marla ist eine Kapitalistin wie sie im Buche steht und sie kennt kein Erbarmen. Sie liebt ihre Freundin, aber alle anderen sind ihr egal. Und sie will reich werden. Dazu ist ihr jedes Mittel recht. Sie schreckt auch nich davor zurück ihre Klient*innen auszuhungern, unter Drogen zu setzen und damit zu foltern und in letzter Konsequenz eigentlich zu ermorden. Für eine Antiheldin reicht es aber leider nicht.

Trotzdem (oder deswegen?) wird sie als emanzipierte Frau gezeigt, die ihren „Mann steht“ und sich in einer Welt voller Männer durchsetzt. Es gibt sogar mehrere Konfrontationen bei denen sie mit erfolgsverwöhnten Männern (bzw. Anwälten) zusammenprallt und sie mehr oder weniger fertigmacht bzw. sich von den erfolgsverwöhnten Typen nicht unterkriegen oder einschüchtern lässt. Ja, auch die gehen nicht zimperlich um mit ihr. Ihre Freundin wird zum Beispiel schwer zusammengeschlagen und gerade in der zweiten Hälfte passieren Dinge, die eigentlich nicht so richtig zum lockeren Ton des Films passen (in der ersten Hälfte ist er eine schwarze Komödie und es ist völlig klar, dass Marla nicht „die Gute“ ist) und langsam wendet sich die Darstellung von Marla hin zu „der Heldin, die trotz der Übermacht die Oberhand behält, weil sie einen eisernen Willen hat“.

Versteht mich nicht falsch: Das ist kein Emanzipations/Frau-ist-besser-als-Mann-Thema. Das ist einfach ein Darstellungsthema. Marla könnte genausogut Mario sein und es würde keinen Unterschied machen. Und mir ist schon klar, dass der Film aus der Sicht von Marla erzählt wird und in ihrer Version ist sie natürlich die Heldin, aber dennoch … in der zweiten Hälfte baut der Film dramatisch ab, wird sogar unplausibel und peinlich.

Zusammengehalten wird „I. Care. A. Lot.“ von Rosamund Pike, die Marla großartig arrogant-abstoßend spielt, Peter Dinklage, der hier eine resignierte, depressive Mimik auffährt, die ich super fand und Dianne Wiest, die in den wenigen Szenen in denen sie vorkommt einfach super ist. Highlight ist klar das Gespräch zwischen einer völlig unter Drogen stehenden Jennifer und Marla. Stichwort „Uuuuh, now you’re in trouble.“

Das Ende hat mich zwar halbwegs versöhnt in seiner Aussage und es war für den Film stimmig und tatsächlich für mich sogar befriedigend, allerdings hilft das nicht über den zusammengeschusterten Plot in der zweiten Hälfte hinweg. Das kann man drehen und wenden wie man will: Das war einfach nix. Sorry. Fühlte sich die erste Hälfte wie ein „In China essen sie Hunde an“ (was immer gut ist), so ging dieses „erschreckend/irre“ Feeling leider völlig verloren und es wird immer belangloser. Erst die letzten paar Minuten haben dann wieder stimmig gewirkt.

„I. Care. A. Lot.“ bekommt 6 von 10 möglichen, unterhaltsame, erschreckende, gut gespielte und trotzdem leider ab er Hälfte schwer enttäuschende, Punkte.


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