Mass Effect Andromeda (Game Review)

Es gilt neue Welten zu erforschen und neuen Lebensraum für die Menschheit und alle anderen Rassen der Milchstraße zu finden. Alec Ryder, ehemals N7-Soldat, ist der „Pathfinder“ der Arche der Menschen. Eines der großen Raumschiffe, auf welchen 20.000 Menschen im Cryoschlaf liegen und mehr als 600 Jahre lang ans andere des Universums fliegen – in die Andromeda-Galaxie.

Forscher haben dort mehrere „goldene Welten“ entdeckt, welche es den verschiedenen Rassen möglich machen sollte neuen Lebensraum zu erschließen und wortwörtlich andere Welten zu kolonialisieren. Andockpunkt wäre der „Nexus“. Eine riesengroße Raumstation, die bereits vor den Archen auf ihren Weg geschickt wurde und der Punkt an dem die vier Archen (Menschen, Salarianer, Kroganer und Turianer) andocken sollen, um mit ihrem jeweiligen „Pathfinder“ die ersten Schritte zu wagen.

Aber alles was schiefgehen kann, geht schief. Die menschliche Arche kommt über ein Jahr zu spät an. Von den anderen fehlt jede Spur und die goldenen Welten sind nicht im Ansatz bewohnbar. In 600 Jahren kann sich viel ändern. Als dann noch eine riesige Anomalie auftaucht und eine Bruchlandung folgt, nimmt die Geschichte ihren Lauf. Alec Ryder opfert sich und eines seiner Kinder muss wohl oder übel in seine Fußstapfen treten …

Gleich mal vorweg: „Mass Effect Andromeda“ macht es euch nicht leicht. Selbst wenn ihr keine Vergleiche mit der alten „Mass Effect“-Trilogie zieht, werdet ihr es schwer haben das Spiel zu mögen. Zumindest in den ersten Stunden. Weshalb es sich aber trotzdem lohnt, erfahrt ihr wenn ihr die Kritik von oben bis unten lest.

Bioware hat sich – meiner Ansicht nach und sehr kurz gefasst – mit „Andromeda“ einfach überhoben. In mehrfacher Hinsicht. Zum einen ist die Spielwelt (oder -welten) einfach riesig. Zu riesig. Sie sieht fantastisch aus (so gut Eiswüsten und Sandwüsten halt aussehen können) und bietet etlichen Charakteren einen Platz in ihrem Umfang, hat aber aufgrund der riesigen Dimension wenig Zeit sie ausreichend auszubauen. Man ahnt sehr oft, was der Plan war und wie die Personen wirken sollen, aber diese Ahnung hat man mehr aufgrund der drei Vorgänger bzw. der eigenen Erfahrung als Spieler/in als aufgrund dessen, was man hier serviert bekommt. Dabei sind die Ansätze durch die Bank gelungen und keineswegs schlecht, aber es sind eben nur Ansätze.

Das zweite ist die Technik: Vielleicht waren es zu wenig MitarbeiterInnen, vielleicht zu viel, vielleicht hatten sie zu wenig Zeit – ich weiß es nicht. Fakt ist, dass Andromeda an vielen Stellen lieblos hingeworfen wirkt. Ich schreibe bewusst wirkt, weil man an allen Ecken und Enden spürt: Dieses Spiel wurde mit Liebe geplant und mit riesigen Ambitionen. Leider hat das nicht gereicht, um sich um Details zu kümmern. (Lange) Dialoge, die mit einer einzigen Kamerastellung geführt werden, eine Mimik, die mal mehr mal weniger vorhanden ist und eine Körpersprache, die immerzu die gleichen Bewegungen – egal ob des Inhalts – wiederholt. Das ist einfach peinlich. Vor allem, da diese „lieblosen“ Inszenierungen sich jetzt nicht auf Nebenmissionen beschränken, sondern auch in Hauptmissionen vorkommen. Es gibt großartig inszenierte Nebenmissionen und völlig schlecht gemachte Hauptmissionen. Was mich eben zu der Theorie veranlasst die Erschaffer hatten einfach zu wenig Zeit.

Das wirkt sich natürlich auch auf den Spielfluss aus und vor allem auf den Rythmus. Nach einem gelungenen Intro und dem Absturz auf einem fremden Planeten begleiten wir eines der Ryder-Geschwister (ihr entscheidet am Anfang des Spiels) mitsamt dem ersten Kollegen Liam. Und – man verzeihe mir – was sich die Macher dabei gedacht haben … bemerkt man erst am Ende des Spiels. Denn Ryder (egal, welche Version) ist einfach nicht sympathisch. Genausowenig wie Liam. Die Dialoge sind peinlich bis nervig. Wirklich oft hätte ich Liam gern entgegengeschrien: „Halt die Fresse, ich habe doch auch keine Ahnung wie diese Welt hier funktioniert! Ich bin genauso wie du gerade aus dem Cryo-Schlaft aufgewacht, du Penner!“

Ich habe kurz darauf Spideragent getroffen und mein genauer Wortlaut war die ernst gemeint Frage: „Wie kann man denn mit Mass Effect Andromeda Spaß haben?“ Er hat nur mit den Achseln gezuckt und gemeint: „Die Mass-Effect-Momente kommen erst später.“.

Zurück zur Inszenierung: Es gibt ja einen Grund, weshalb zB diese Gespräch am Anfang so sind. Aber den habe ich erst nach etlichen Stunden Spiel verstanden: Die beiden sind sich unsicher und werfen sich eben gegenseitig (schlechte) Witze entgegen und stellen Fragen in den Raum, weil sie mit der Situation nicht umgehen können. Sie hoffen darauf der/die jeweils andere könne ein wenig Stabilität bieten. Wenn man Liam und Ryder vom Anfang mit denen am Ende des Spiels vergleicht: Da hat eine wirklich weitgehende Wandlung stattgefunden, die ich so nicht erwartet hatte. Aus beiden sind souveräne und selbstsichere Charaktere geworden, die um ihren Wert und den ihrer TeamkollegInnen wissen, aber auch genug Selbstbewusstsein haben, um zuzugeben, dass sie einander brauchen um die Sache in den Griff bekommen zu können (mir fällt eine Szene ein, als Peebee alle zusammentrommelt, damit sie ihnen mitteilt, sie werde jetzt nicht mehr einen Fuß am Ausgang haben, sondern hierbleiben. Danach meint sie: „Und wer hilft mir jetzt mein Zimmer aufräumen?“ und alle sich mehr oder weniger fadenscheinig aus der Affäre ziehen. Klingt jetzt fad, ist aber eine grandiose Szene, die den Zusammenhalt und die Dynamik in der Crew verdammt gut zeigt („I have to make some ice cubes.“ – „I need to adjust my gun.“ – „I really just don’t want to.“ – „Helping Liam with the ice cubes.“ und so weiter)).

Das ist natürlich ein weiter Weg von Shepard, der bereits ein legendärer Kriegsheld ist als wir ihn/sie das erste Mal sehen. Ryder ist anders. Er/sie hatte nie vor „Pathfinder“ zu werden. Im Gegenteil: Die ganze Verantwortung wurde ihm/ihr aufgezwungen, was die Unsicherheit und die flachen, meist unwitzigen Witze (am Anfang) erklärt. Er/Sie kann keine Situation lesen. Im Kontrast: Im letzten Spieldrittel sitzen die Witze. Das melden sogar die Charaktere zurück (allen voran Drack), die durchaus auch mal meinen: „You’ve come a long way“ oder „I miss the old, nervous Ryder“.

Überhaupt: Die Charaktere, seit jeher ja das A und O der Reihe. Cora (Mensch), Liam (Mensch), Vetra (Turianerin), Peebee (Salarianerin), Drack (Kroganer) und Jaal (Angara) – alle sechs (die nach und nach zu euch stoßen) sind ähnlich gelagert. Anfangs oftmals abweisend oder arrogant oder verbittert oder euch gegenüber neidisch und/oder misstrauisch. Und alle(!) haben eine starke Entwicklung während des Spiels. Am Ende habt ihr statt einem Haufen Individuen eine verdammt starke Truppe, die sich gegenseitig als Familie sieht. Nach und nach öffnen sie sich und offenbaren Seiten, die ihr ihnen nicht zugetraut hättet.

„Mass Effect Andromada“ leistet da wirklich Großartiges.

Spieltechnisch hat sich nicht viel geändert. Es ist einfach ein waschechtes „Mass Effect“. Das beginnt bei den Menüs bis zu den 3-Charakteren-starken Bodentrupps und endet bei den episch inszenierten Sequenzen. Die Menge an Ideen, die in diesem Spiel stecken ist einfach unheimlich und die Geschichte ist großartig. Nein, ich meine damit nicht die „Es gibt eine böse Rasse von Aliens, die schneller als wir sein wollen“-Story, die viele für die Hauptstory halten, sondern die Geschichte von der Besiedelung der Welten: Da die Archen ja über ein Jahr zu spät gekommen sind, hat sich auf der Nexus aufgrund der Verzweiflung natürlich einiges getan. Eine Meuterei, Teile der Crew wurden ins Exil geschickt, andere sind abgehauen, wieder andere haben sich abgewandt und wollen eine eigene Nation gründen. Alle sind miteinander verstrickt und haben eine Geschichte. Und es sind verdammt viele Geschichten. Dann kommt noch eine Alienrasse (die Angara) hinzu, für welche die Neuankömmlinge Aliens sind, denen man nicht vertrauen kann und die klar rassistische Züge haben.

Es liegt also an Ryder, wie er/sie damit umgeht, welche Allianzen geschmiedet werden und wie diese sich entwickeln. Gegen Ende hin (also im Finale) erkennt man dann gut aufgrund der einzelnen Parteien, die einem wieder Erwarten zur Seite stehen, wie gut man sich als Friedensstifter und „Pathfinder“ geschlagen hat. Ich war mehrmals zu Tränen gerührt. Ehrlich.

Aber auch hier kommt wieder die Größe der Spielwelt zum Vorschein und stellt sich als Problem heraus: Bei einigen helfenden Händen, die auftauchten (ein Teil erklärte mir: „We had a debt to pay. Now we’re even.“) wusste ich nicht mehr wer sie waren, geschweige denn was ich für sie getan hatte. Warum? Weil das Spiel einfach zu groß ist. Ich behaupte steif und fest, es wird das erste Mass Effect sein, welches ich kein zweites Mal spielen werde. Zum einen, weil der Umfang in Stunden gemessen in etwas so groß ist, wie die ersten drei zusammengerechnet, und zum anderen, weil es einfach zu viele Missionen sind. Mir war nie langweilig, versteht mich nicht falsch, aber es gibt einfach Dinge, die man sich hätte sparen können. Ressourcen scannen? Nein, danke (ich verstehe es von der Story her, aber … mühsam). Planeten scannen? Nein, danke (ist die paar Ressourcen und/oder XP nicht wert). Tasks, bei denen ich x zerstören muss und y sammeln? Nein, danke (es gibt so schon genug zu tun).

Trotzdem: Nach ein paar Stunden hatte ich den Bogen raus und hatte verdammt viel Spaß und Freude an „meiner“ Ryder und meinem Team (absolutes Hightlight: Drack. In Kombination mit egal welchem anderen Charakter). Schade nur, dass es sich Bioware so schwer macht und a) den Anfang (die ersten 10 Stunden) verbockt und b) die Technik nicht sauber hinbekommen hat.

So bleibt ein schaler Beigeschmack für ein gutes Spiel, welches – mit weniger Umfang, mehr Mut zum Streichen von Aktionen und mehr Fokus auf die Dinge, die Bioware gut kann (Story, Charakter, Inszenierung), ein großartiges Spiel werden können.

Es werden euch auch eine Menge Entscheidungen abverlangt und man merkt bereits in dem Moment, in welchem man sie trifft, dass hier schwerwiegende Eckpfeiler gesetzt werden, die jedoch vermutlich (so wirkt es) erst im nächsten Teil so richtig Früchte getragen hätten.

Hoffen wir das Beste. Ich für meinen Teil hoffe auf eine Fortsetzung, denn wer das Spiel bis zum Ende gespielt hat (laut Achievments-Liste kamen mehr als 55% nicht über die ersten paar Stunden hinaus), kann nicht abstreiten, dass irgendwann am Weg dorthin plötzlich der gute, alte Mass-Effect-Effekt da ist und man nicht anders kann als mit „seiner“ Crew mitzufiebern.

„Mass Effect Andromeda“ bekommt 8 von 10 möglichen, leider erst wirklich nach mehreren(!) Stunden auftrumpfende, Punkte.

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