Call Of Juarez: Gunslinger (Game-Review)

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Die Zeit des „guten alten“ Wilden Westens ist vorbei. Das muss auch der ehemalige Kopfgeldjäger Silas Greaves feststellen, also er den Saloon betritt. Silas ist alt. Sein Ruhm ist verblasst und sein ganz persönlicher Rachefeldzug hat ihn vielleicht mehr gekostet als er ihm gegeben hat.

Seinen Worten nach ist er eigentlich nur auf der Durchreise, als er den Anwesenden seine Lebensgeschichte zu erzählen beginnt – und die hat es in sich. Denn Silas hat so ziemlich alle „Helden“ und „Gangster“ der Geschichte der USA getroffen. Und das ist in doppelter Bedeutung zu verstehen.

Natürlich glauben ihm die Gäste längst nicht alles, was er erzählt, aber zu spannend und zu lebensnah erzählt Silas seine Erinnerungen, als dass sie sich seiner Geschichte entziehen könnten …

„Gunslinger“ ist der vierte Teil der „Call Of Juarez“-Reihe, deren ersten beiden Teile im Wilden Westen spielten, währen der letzte Teil mit dem Untertitel „Das Kartell“ in der heutigen Zeit im Drogenkrieg in Mexiko spielte. Was viele Fans sehr vergrämte – zu knallhart gingen die Protagonisten vor und zu unsympathisch waren die Hauptfiguren. Von der stumpfen Ballerei einmal ganz abgesehen. Mir selbst hat sogar Teil 3 Spaß gemacht, wenn auch eher aufgrund der Möglichkeit, die Hauptgeschichte aus drei verschiedenen Perspektiven zu spielen, die manche Teile der Story dann doch interessanter machten. Aber – Hand aufs Herz – an den wirklich, wirklich genialen zweiten Teil „Bound In Blood“ konnte er nicht anknüpfen. Das lag – zumindest in meinem Empfinden – an der extrem toll und spannend erzählten Geschichte der McCalls und weniger am Setting. So viel Herzblut wie in „Bound In Blood“ hat schon lange in keiner Shooter-Story mehr gesteckt.

„Gunslinger“ soll die Serie also zurück ins alte Setting führen und die Fans wieder mit der Serie versöhnen. Das gelingt zu einem großen Teil, hängt aber auch stark davon ab, was die Fans von der Serie nun tatsächlich erwarten, denn obwohl die Story epische Ausmaße annimmt, wird sie in spärlichen Zwischensequenzen erzählt und das Stichwort der Stunde lautet „erzählt“, denn genau das macht Silas Greaves die gesamte Zeit über. Eine interessante Idee, die aber – wenn schlecht umgesetzt – ziemlich ins Auge gehen kann. Aber – ihr könnt aufatmen – Techland hat sehr, sehr gute Arbeit geleistet, denn der Sprecher von Silas ist perfekt (englische Version) gecastet und seine rauchige Stimme macht Laune. Auch die Ideen, die sich aufgrund der „Erzählung“ ins Spielgeschehen eingeschlichen haben sind sehr unterhaltsam. So ändern sich die Rahmenbedingungen des Spiels je nachdem, was Silas gerade erzählt. Verwechselt er Cowboys mit Apachen, dann stehen eben plötzlich Cowboys vor dem Spieler. Erzählt er davon, dass er von Hunderten Feinden umringt wurde, dann kommen tatsächlich Hunderte Feinde auf einen zu (bis einer der Gäste fragt: „Hunderte?“ und sich Silas räuspert, um sich auf „Naja, vielleicht ein Dutzend“ zu korrigieren und „schwups“ – die Übermacht ist plötzlich überaschaubar).

Die Spielmechanik teilt sich dazu in zwei Bereiche auf, die sich wunderbar ergänzen: Zum Einen die normalen Shooter-Einlagen aus der Egoperspektive und zum Anderen die Duelle, bei denen man versucht die Revolverhand so nah an der Waffe zu positionieren, damit man flott ziehen kann und gleichzeitig sein Gegenüber nicht aus den Augen zu lassen.

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Die Grafik ist eine Mischung aus Comic-Grafik mit Cel-Shading, gemischt mit realistischen Einschüben, was in Summe ein sehr schönes Bild auf den Monitor zaubert. Was dazu kommt ist die arcadelastige Aufbereitung des Spiels. So poppen immer wieder Erfahrungspunkte auf, wenn Gegner erledigt werden, Blutfontänen spritzen zur Seite und in Slow-Motion fetzen Kugeln an einem vorbei – wenn man ihnen rechtzeitig ausweichen kann.

Das macht Spaß und Laune, pfeift allerdings auf jeden Anspruch an Realismus – ein Punkt, der mir sehr sehr gut gefallen hat. In einer Zeit, in der alle (naja, fast) Shooter versuchen immer echter zu sein, geht „Gunslinger“ den anderen Weg und hat damit vollen Erfolg. Auch die Erfahrungspunkte, die man in drei verschiedene Skill-Bäume investieren kann, sind sehr fein und – was ja nicht unbedingt immer so ist – zeigen defakto auch Wirkung.

Allein die Ideen durch die Erzählung von Silas die Rahmenbedingungen der Missionen zu ändern ist super und auch sehr witzig und konsequent umgesetzt. So zum Beispiel muss Silas irgendwann mal aufs WC und seine Geschichte bleibt stehen, während die anderen Gäste sich darüber unterhalten, ob sie dem alten Mann jetzt glauben oder nicht und man im Loop durch den immer gleichen Zugwagon läuft. Das ganze ist kurz genug um witzig zu sein und nicht zu lang um zu nerven. Die Balance haben die Entwickler wirklich gut hinbekommen.

Das größte Plus von „Gunslinger“ ist die Atmosphäre, die Silas’ Erzählung aufbaut und die damit einhergehenden Treffen mit diversen Revolverhelden, die allesamt spaßig sind, manche davon sogar tragisch. Immer wieder lustig, wenn Silas von einem Duel erzählt, wie er einen Revolverheld niedergeschossen hat und einer der Gäste meint „Aber der lebt doch noch!“ und Silas sich mit einem „Ich habe ja nicht gesagt, dass ich ihn getötet habe, sondern nur, dass ich ihn niederschoss“ rausredet. Dass sich Techland bei der Story bei vielen Klassikern bedient („Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Young Guns“) ist nicht nur verzeihbar sondern begrüßenswert. Besonders gefreut hat mich, dass sogar letztlich noch eine Verbindung zu den vorigen Teilen von Call Of Juarez eingebaut wird – wer die Vorgänger kennt, wird sich ein kleines „Aha!“ nicht verkneifen könnnen.

Wer den Singleplayer durch hat, kann sich auch noch an einer Duell-Reihe versuchen, bzw. gibt es noch einen Modus, bei dem man sich durch diverse Levels ballert (unter Zeitdruck) und High-Scores sammeln kann.

Ich habe mich gerne mit Silas durch seine Erinnerungen gespielt und den „alten Sack“ doch sehr rasch lieb gewonnen. Auch wenn die Story spartanisch präsentiert ist, hat sie doch mehr Tiefe also die meisten anderen Shooter (irgendwann beginnt Silas sich zu fragen, was aus ihm geworden ist, denn anfangs will er auf der Suche nach drei Mördern nur Gerechtigkeit und letzten Endes fragt er sich, ob er ob seines Rachedursts nicht schlimmer als die gesuchten Mörder geworden ist) und – im Ernst – ich glaube, dass „Gunslinger“ sogar ein ziemlich cooles Hörbuch abgeben würde.

„Call Of Juarez Gunslinger“ bekommt von mir 8 von 10 sich mit Bleispritzen durch Gegnermengen pustende Punkte.


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