Anonymus (Filmkritik)

Edward de Vere (Rhys Ivans) ist ein Edelmann und nicht nur das – er ist der wahre Schreiber hinter den Werken Shakespeares (Rafe Spell). In der Zeit des Puritanismus, in der die Poesie und das Theater und alle schönen Künste verpönt sind und das Schreiben für Adelige absolut tabu war, litt de Vere wahre Qualen. Wie sollte er seine Stücke – unter ihnen die epische Liebesgeschichte „Romeo und Julia“ – jemals der Öffentlichkeit präsentieren können? So kommt er auf die Idee, jemand anderes dafür zu bezahlen, sich als der Schreiber seiner Stücke auszugeben – Shakespeare. Der ist seines Zeichens eigentlich Schauspieler, aber gegen die entsprechende Bezahlung ist der mehr als Willens den Beruf zu wechseln. Gleichzeitig ist die Zukunft Englands in Gefahr, denn die alternde Queen Elisabeth (Vanessa Redgrave), steht auf einem sehr wackeligen Thron.

Anonymus

Was wenn Shakespeare kein einziges seiner Werke selbst geschrieben hat? Schon vor mehr als 100 Jahren entbrannte eine Debatte um die Urheberschaft von Shakespeares Werken. Verdanken wir ihm die epische Liebesgeschichte von Romeo und Julia und das tragische Lebens Hamlets? Wie wahrscheinlich ist es, das diese Meisterwerke aus der Feder eines Nobodys aus Stratford stammen? Es scheint unwahrscheinlich, wenn man sich Shakespeares Lebenslauf ansieht, dass aus seiner Feder so viele bedeutende Werke stammen.

Es wird behauptet, seine Ausbildung in einer Dorfschule hätte ihn nicht zu dem Vokabular befähigen können, dass er in seinen Stücken zeigte. Fleißige Menschen wollen über 17 700 gezählt haben. Woher nahm er sein Wissen über fremde Gebräuche und Kulturen, ohne jemals eines dieser Länder bereist zu haben? Die einzige schriftliche Dokumentation, die Historiker eindeutig Shakespeare zuordnen können, sind ein paar Unterschriften auf offiziellen Dokumenten, in denen er seinen Namen wenigstens sechsmal verschieden schrieb (Shaksp, Shakspe, Shakesper, Shakespere, Shakspere und Shakspeare). Da liegen Zweifel natürlich nahe und wer mag schon keine gute Verschwörung?

Gleich vorweg muss man sagen, dass „Anonymus“ nie den Anspruch erhebt, tatsächlich faktisch die Wahrheit zu erzählen. Regisseur Emmerich selbst faszinierten viel mehr die neuen Möglichkeiten, die die Geschichte eröffneten. Man kann einen Blick darauf werfen, wie die Kreativität in den Menschen wirkt und auch wütet und es wird eine sehr interessante Frage gestellt: Ist die Feder wirklich mächtiger als das Schwert?“

Drehbuchautor John Orloff ist besonders stolz darauf, wie akkurat und genau sein Drehbuch ist, vorausgesetzt dass man mit der Prämisse leben kann, dass der Film de Vere als den Verfasser der Werke ansieht und nicht Shakespeare. Dass damit jedoch nicht ein jeder einverstanden ist, zeigen heftige Diskussionen, die zwischen Shakespeare-Anhängern und den Verfechtern der Verschwörungstheorie entbrannt sind.

Rhys Ifans spielt als Edward de Vere die Hauptrolle. Ich persönlich kenne ihn eigentlich nur als Sonderling aus der Liebeskomödie „Notting Hill“ und war überrascht, ihn nun in einer so anderen Rolle zu sehen. Wenn man sich seinen Lebenslauf und seine Performance in diesem Film einmal ansieht, erkennt man, dass man hier einen durchaus versierten Bühnen- und Leinwandschaupieler vor sich hat, der es mit Leichtigkeit schafft de Vere Leben einzuhauchen.

Vanessa Redgrave ist die alternde Königin Elisabeth und ihre Tochter Joely Richardson ist die Königin in jungen Jahren. Man braucht Redgrave in manchen Szenen nur einmal anzusehen und weiß um die derzeitige Geisteslage der schon leicht dement wirkenden Königin bescheid. Wenn sie in einer der letzten Szenen vor ihrem Tod mit weit aufgerissenen Augen an ihrem Finger nuckelt, hängt ein Hauch von Drama und Komödie in der Luft. Auch ihre Tochter Joely Richardson, die man etwa aus der Serie Nip/Tuck kennt, macht einen guten Job und zeigt uns eine Königin, die zerrissen ist zwischen dem, was ihr Herz will und zwischen dem, was gut für ihr Land ist.

Was mich persönlich, aber auch meinen Begleiter störte, waren die Zeitsprünge. Naja, nicht die Zeitsprünge an sich. Der Film passiert ja auf 3 Ebenen. Am Anfang bekommt man als Zuseher ein Intro, das wirkt wie wenn es auf einem Theater in der Jetzt-Zeit passiert. Dann springt man zurück in die Zeit, in der Edward de Vere bereits ein erwachsener Mann ist. Dann springt man 40 Jahre zurück und lernt den jungen Edward und eine junge und schöne Königin kennen.

Soweit hilft Emmerich beim ersten Zeitsprung seinen Zusehern indem er 40 Jahre früher einblendet, aber danach verzichtet er auf solche Hilfsmittel und so erkennt man als Zuseher oft erst nach einigen Minuten, dass man schon wieder in einer anderen Zeitebene ist. Da blinkten an manchen Stellen innerlich bei mir die Fragezeichen, bis dann heraus kam, dass wir ja schon wieder zu einer anderen Zeit sind.

Fazit: Ein was-wäre-wenn Rückblick, mit dem es Emmerich wieder einmal gelingt, Diskussionen zu starten und Kontroversen zu generieren. Alles in allem ein gelungener Film, der mit viel Liebe zum Detail stellenweise sehr echt wirkt.

Von mir bekommt „Anonymus“ 8/10 „to-be-or-not-to-be“ Punkten.


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