
Violet Sinclair wurde entführt. Aber sie weiß es nicht mehr. Sechs Jahre nach dem Tag an dem sie aus dem Dimensionstor gestiegen ist, hat sie sich an das Leben auf der Kolonie gewöhnt. Die Erde existiert angeblich nicht mehr. Violet wurde hierherg geholt, um Kinder zu gebähren, damit die Menschheit überleben kann. Und sie ist nicht die einzige. Warum aber seltsamerweise immer mehr Kinder auftauchen, die reptilienhafte Augen haben, ist verwirrend. Vielleicht eine Art Virus oder Mutation?
Eines Tages wacht Violet auf, weil eine Freundin gegen ihre Schlafkammer klopft, aber bevor sie noch etwas erklären kann, wird sie brutal fortgerissen und nur noch Schreie sind zu hören. Scarlett kann sich aus ihrem Pod befreien und stellt fest, dass die Alarmsirenen heulen – Dinosaurier sind in der Station und fallen Menschen an. Über das Funkgerät eines toten Wachsoldaten kann sie schließlich Kontakt mit Jason aufnehmen, der einen Plan hat, zu entkommen.
Also reißt sich Violet am Riemen, packt die Waffen, die sie findet ein und macht sich auf den Weg, um Jason zu treffen und aus der Station zu entkommen. Völlig egal wie viele und welche Dinosaurier sich ihr in den Weg stellen …
Da haben wir es also: Das schlechteste Spiel aller Zeiten. Zumindest, wenn man den ganzen Leuten im Internet glaubt. Auch diverse „seriöse“ Gaming-Journalist:innen überschlagen sich gerade, um das Spiel zu zerlegen. Weil so unglaublich schlecht ist.
Finde ich spannend.
Was ich mich frage, ist: Warum muss man Dinge erfinden, die nicht stimmen, um ein Spiel schlecht zu machen? Wenn es wirklich so schlimm ist, dann sollte man doch wohl bei der Wahrheit bleiben und einfach schreiben können, was man erlebt hat, oder nicht? Sowas finde ich immer wieder irre.
Beispiele?
Auf einer sehr bekannte Seite für Playstation-Spiele schreibt der Kritiker, dass Violet in ihrer Unterwäsche aufwacht – ihre Kleidung befinde sich am anderen Ende der Station, weshalb man quasi die halbe Station durchqueren müsse, damit sie endlich „was anhat“. Er überlegt dann weiter, dass das ja bedeuten würde, dass sie am anderen Ende der Station quasi Zähneputzen und sich ausziehen muss, dann in ihrer Unterwäsche ans andere Ende der Station (die groß ist) gehen muss, um sich ins Bett zu legen. Aja. Danke für diese wichtige Überlegung.
Wie kommt man auf sowas?
Noch dazu ist es völliger Schwachsinn. Die „normale“ Kleidung, die Violet am anderen Ende der Station holt ist ein Kampfanzug(!), den sie aufgrund der neuen Situation braucht. In Unterwäsche läuft sie am Anfang herum, weil sie durch einen verdammten Raptorenangriff aus dem Schlaf gerissen wurde und fliehen musste.
Ist es plakativ, die Hauptdarstellerin die erste Stunde (oder länger) in Unterwäsche herumlaufen zu lassen und ihren gut gebauten Körper zu präsentieren? Oder dass die erste Kameraperspektive inkl. Kamerafahrt so ausgerichtet ist, dass ihr Dekolleté und ihre Brüste sehr gut ins Bild gerückt sind? Ja. Absolut. Aber das ist auch nicht schlimmer als Eves „Aussteigen“ aus ihrem Pod in „Stellar Blade„.

Es gibt noch eine zweite Sache, die ich schräg finde (gleicher Artikel): Es gibt grob 20 Outfits, die man im Spiel freischalten kann (die keine Auswirkungen auf irgendwas haben, von der Optik abgesehen) und ja, viele davon sind sehr figurbetont und zeigen viel nackte Haut. Der Kritiker schreibt, dass das die Seriösität der Story kaputtmachen würde, weil zB bei einer tragischen Szene die Kamera zurückfährt und man dann Violet in einem Cowboy-Kostüm sieht, inklusive „ausgeschnittener Pobacken“ bei der Hose.
Also zuerst einmal: Das Outfit ist nicht Teil der Story und sagt mehr über den Kritiker aus als über das Spiel (zur Info: Die meisten Outfits passen NULL in die Story oder die Atmosphäre des Spiels, machen teilweise sogar die Immersion kaputt. Sie sehen gut aus, klar, aber ich hab mich relativ rasch auf den Anzug, den man am Anfang holt festgelegt – der passt einfach perfekt zum Setting (für die pingeligen Leser:innen: Ja, beim Bild oben hat sie etwas anderes an). Zum anderen wird Violets Optik in den Cutscenes nicht(!) an die Kleidungsauswahl angepasst. Heißt: Egal, was man(n) ihr anzieht: Sie hat in den Zwischensequenzen immer den Anzug vom Anfang an. Also auch hier wieder: Warum muss man sowas erfinden?
Das kotzt mich an. Echt.
Oder eine bekannte YouTuberin namens Vera irgendwas, die sich über das Kommentar von Teamkill Media (die das Spiel gemacht haben) beschwert, dass sie das Spiel nicht auf den PC portieren werden, weil sie nicht wollen, dass Modder ihre Figur in vulgären Szenen oder so zeigen (ich nehme an, sie meinen Nackt-Patches und so Zeug). Sie prangert an, dass die Typen ja ohnehin ihre Figur extrem sexuell in Szene setzen.
Ich sag nur: Das kann schon sein, Vera, dass die Jungs die Optik und den guten Körperbau sehr betonen – aber das wurde vermutlich mit der Synchronsprecherin vorher abgesprochen und es war okay für sie. Jemanden „sexy“ aussehen zu lassen, ist etwas anderes wie vulgär zu sein. Wenn du das nicht verstehst, dann brauchen wir da nicht weiter drüber zu reden.
Ich wiederhole: So ein Mist kotzt mich einfach an. Clickbait. Es niedermachen, einfach weil es gerade „in“ ist. Auch bei vielen anderen Reviews lese ich von Dingen, die (ich hab’s durchgespielt und hab gerade das New Game+ begonnen) im Spiel einfach nicht vorkommen.
Gleichzeitig wirft man den Machern (korrekterweise, wie ich anführen muss) vor, sie hätten ihr Spiel bewusst überzeichnet beworben. Und ja, es gibt mehrere Trailer, die scheinbar aus älteren Builds stammen, aus denen es Szenen nicht ins Spiel geschafft haben. Und die Optik von Violet und anderen Figuren hat sich auch nochmals drastisch im Vergleich zu machen Ankündigungsvideos verändert. Aber das ist doch alles nicht neu und kommt immer wieder vor. Und es ist kein Freifahrtschein um selbst zu lügen.
Vor allem, weil das Spiel an sich einfach nur das ist: Ein Spiel. Ohne dieses ganze Gebashe wäre es vermutlich völlig untergegangen und hätte keinen Menschen gejuckt. Also was soll das? Ich check es nicht. All diese ganzen präpotenten, von Klicks abhängigen, Profi-Zerleger. Ich kann die alle nicht mehr hören. Mühsam. Einfach mühsam.
Ist „Code Violet“ also in meinen Augen ein großartiges Spiel? Nein. Sicher nicht. Ist es ein neues „Dino Crisis“? Naja. Es kommen Dinos drin vor. Wenn das reicht, dann ja. Sonst nicht. Hat es irgendwas, was es von anderen AA-Produktionen abhebt? Nein, außer den Dinos und Violets Optik nicht. Aha – es hat keine Innovationen und erreicht nicht die Qualität eines über zwanzig Jahre alten Spiels, das aus Nostalgiegründen gefeiert wird (damals hatte es eine Durchschnittswertung von 60%)? Oh Nein. Böses, böses, böses Spiel. Was hast du dir dabei gedacht?
*kopfschüttel*
Naja, dann mal zum Spiel selbst: „Code Violet“ ist ein Third-Person-Game, in welchem ihr streng linear durch mehrere Anlagen und dazwischen kurze Außenwelten in Gestalt von Violet Sinclair marschiert, joggt oder schleicht, während euch immer wieder mal Dinos (meistens Raptoren) über den Weg laufen, die ihr in relativen kurzen Gefechten mit verschiedenen Waffen wegputzen müsst. Die Atomsphäre ist düster und bedrohlich, die Umgebungen variieren jedoch relativ wenig. Man merkt, dass die Macher sich bemüht haben ein wenig optische Abwechslung in die Anlagen zu bringen (eine ist eher gotisch angehaucht, eine andere modern-steril, eine andere kaputt und verschlissen), aber eine Sache stimmt völlig: Man ist meistens in relativ engen Gängen unterwegs, öffnet Türen, sammelt Ressourcen, löst Mini-Rätsel oder sucht Teile, um diverse Türen zu öffenen oder pumpt Wasser ab, um bestimmte Bereiche zu betreten und so weiter.

Alles nicht neu, aber für mich stimmig und eigentlich gut gemacht. Die Belichtung stimmt (auch wenn ich das Spiel in Summe als zu dunkel empfinde, ich hab Gamma raufdrehen müssen) und das Spiel mit Dunkelheit und den Schatten gelingt gut. Was richtig gut funktioniert ist meiner Ansicht nach die Soundkulisse, denn die lässt auch oft mal einfach Stille wirken. Bedrückende und bedrohliche Stille. Dann hört man wieder von irgendwoher einen Dino schreien und hofft, dass er nicht im nächsten Raum ist, denn Munition ist teilweise rar. Außerdem gibt es Giftspritzer-Dinos – für die muss man ein Gegengift im Inventar haben und der Platz da drin ist sehr beschränkt.
Die Außenwelten sind keine Grafikkracher, aber vom Design her wirklich gut gelungen – wenn man in der Ferne schwebende Inseln sieht oder Wasserfälle vorbeirauschen – ja, es ist kein grafischer Meilenstein in Summe und das Design bzw. die Optik der Gegenden wird auch keinen Innovationspreis gewinnen, aber für ein Team bestehend aus vier(!) Personen – alle Achtung. Respekt. Wirklich.
Das Gameplay funktioniert, ich hatte keinen einzigen(!) Bug und zwei Tage nach Veröffentlichung gab es sogar schon einen Patch, der die schwarzen Balken oben und unten entfernt und endlich Vollbild eingeführt hat. Ja, hin und wieder gibt es Clipping-Fehler, zum Beispiel sieht man Dinokrallen oder -schwänze durch die Türen oder so Zeug, aber nichts davon ist wirklich schlimm, wie ich finde.
Die Story hat gute Ansätze, wird aber leider supoptimal erzählt. Da müssen die Jungs noch üben, wirklich. Die Inszenierung mancher Szene ist 1A, leider können die Animationen der Gesichter mit der Emotion die vermittelt werden soll und von den Sprecher:innen (allen voran Alaina Wis) sehr gut bis gut vermittelt werden, nicht mithalten. Aber auch hier: Ein Team aus 4 (vier!) Personen. Erneut: Respekt.
Was ich leider schon anmerken muss, sind zwei Dinge, die mich gestört haben. Zum einen gibt es zwei Passagen, die ich aufgrund der Steuerung (Wasser-Rutsche) und aufgrund der Belichtung (T-Rex-Jagd) wirklich mühsam fand. Hätte cool werden können, fand ich aber wirklich einfach anstrengend. Da wäre mehr drin gewesen. Abwechslung ist eine gute Idee, aber dann bitte zumindest stimmig einbauen.
Die zweite Sache bezieht sich auf die Inszenierung von Szenen: Es gibt relativ früh eine Szene in der man durch einen Glasgang geht, umgeben von Wasser. Der bricht, Wasser bricht herein und Violet wird weggespült. Cut. Violet steht am anderen Ende des Gangs (wo man ja hinwollte) und die Tür hinter ihr – also in Richtung des „überfluteten“ Gangs – ist offen. Nur ist da kein Wasser drin. Es wäre doch nicht schwer gewesen, einerseits die Tür zu schließen und andererseits die Cutscene vielleicht so auszubauen, dass Violet rausgeschwemmt wird, mit Müh und Not die Türtaste zum Verschließen drücken kann und so gerettet wird, oder?
Und eine zweite Szene in der Violet von Jason vor einem hybriden Wesen gerettet wird indem er eine Tür kurzschließt – sie öffnet sich, Violet fällt Jason entgegen und die Tür geht wieder zu. Dann steht Violet auf und – Jason ist weg. Man hört Jason über Funk sagen, dass er die Tür nicht mehr aufbekommt, er also auf der anderen Seite (der Kuppel, nicht der Tür) gefangen ist und sie sich an Punkt X wieder treffen werden. WTF? Violet ist doch gerade dort rausgekommen wo Jason stand? Auch hier hätte man meiner Ansicht nach relativ leicht korrigierend eingreifen können. Das sind schon richtige Patzer.
Aber – erneut erneut – ein Team aus vier (4!) Personen.
Alles in allem – mir hat’s gefallen. Mit allen Abstrichen und allem Trash-Charme, den es vermittelt. Gibt es Luft nach oben? Sicher. Haben die Macher ihr Spiel ein wenig zu optimistisch beworben? Mit Sicherheit. Aber niemand der auch nur einen Gameplay-Trailer gesehen hat, hat doch bitte ernsthaft geglaubt, dass das hier ein Meilenstein der Spielgeschichte wird, oder? Habt ihr keine Augen? Und noch was: Wenn ihr ein Spiel vorbestellt in einem Store, der keine Rückerstattungen macht, dann beschwert euch bitte nicht, wenn ihr kein Geld zurückbekommt. Was ist denn bitte aus Eigenverantwortung geworden, hm? Ebenfalls: Zum Kotzen.
Was mich betrifft: Würde ein zweiter Teil kommen – ich würde ihn mir kaufen.
Persönliche Anmerkung: Das Coverbild hat null mit dem Spiel zu tun. Von der Farbe Violett und der Tatsache, dass eine schwarzhaarige Frau drauf zu sehen ist, mal abgesehen. Aber das Titelbild ist gleichzeitig ein Bild/Gemälde im Spiel welche Save-Rooms kennzeichnet (dort könnt ihr übrigens auch Violets Kostüme tauschen und euer Inventar in einer alle Save-Rooms übergreifenden Kiste abladen).
„Code Violet“ bekommt von mir 7 von 10 möglichen, primär von der Atmosphäre und der Optik der Protagonistin lebende, Punkte. Ach ja – und Dinos. 🙂
